Die Konstanten (#185)

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Raubein und Dreihand

Sie treffen sich im Morgengrauen zum ersten Umtrunk. Keiner weiß, woher sie ihre Spitznamen haben, aber alle nennen sie nur bei diesen, sogar sie selbst nennen sich Raubein und Dreihand. Da sitzen sie also vorm Bahnhof mit dem Bier in der Hand, rauchen eine Zigarette nach der anderen und reden über Gott und die Welt, über Fußball und den Rausch der letzten Nacht.

Abwechselnd geht einer von beiden los und holt neues Bier. Immer nur zwei Flaschen, für jeden eine: Denn sie saufen ja nicht, sie holen sich nur genug Mut und Energie für den Tag.

Kurz vor zehn ist dann «zweites Frühstück». Jetzt gibt es zum Bier eine Bockwurst und einen Tascherutscher Klaren. Im Gespräch sind sie auch gut vorangekommen und Dreihand erzählt Raubein – wie jeden Tag – die Geschichte, wie ihn seine Frau verlassen hat. Jeden Tag ist die Erzählung ein klein wenig anders; das sorgt dafür, daß Raubein auch jeden Tag zuhört.

Um die Mittagszeit sind beide plötzlich verschwunden. Niemand sieht sie weggehen, kaum einer erinnert sich daran, daß sie gerade eben noch dasaßen. Und doch waren Raubein und Dreihand hier. Eine ganze Anzahl Kronkorken und Zigarettenreste liegen um ihre Bank herum verstreut.

Wie jeden Tag kommt gegen 14 Uhr der Reinigungsdienst vom Bahnhof und fegt auch das Gelände um diese Bank. Wie jeden Tag, wie auch zu Weihnachten und Silvester, unabhängig vom Wetter. Raubein und Dreihand sind eine Konstante und fehlten – im Gegensatz zum Reinigungsdienst – in den letzten drei Jahren keinen einzigen Tag.

 

 

Der Verfasser des Blogs schleicht davon und dankt für’s Lesen.

P.S.: Positiv am 2. Juli 2012 war wieder ein Stück fertig geschnittener Sendung.

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Über Der Emil

Not normal. Interested in nearly everything. Wearing black. Listening. Looking. Reading. Writing. Clochard / life artist / Lebenskünstler.
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0 Kommentare zu Die Konstanten (#185)

  1. Frau Blau sagt:

    Menschen, die zum Stadtbild gehören und wenn sie dann eines Tages nicht mehr dort sitzen, wer wird sie vermissen, wem wird es auffallen?

  2. Gudrun sagt:

    Sie gehören wirklich zum Stadtbild. Ich sehe sie jeden Tag, d.h. zweimal am Tag. Am Nachmittag nochmal, denn sie müssen über die Nacht kommen.
    Frauen sind dabei. Eine kommt in Business-Kleidung. Naja, einwenig gelitten hat sie nun schon, aber so, wie sie sich zu kleiden versucht, so wie sie die Beine übereinanderschlägt, sagt mir, dass sie schon bessere Zeiten hinter sich hatte. Ich würde sie gerne ansprechen, einfach fragen, aber immer, wenn ich den Mut zusammen habe macht einer ihrer Saufkumpane eine blöde Bemerkung. Und dann ziehe ich mich sofort zurück, d.h. ich gehe gar nicht auf sie zu. Immerhin grüßen wir uns, denn wir kennen und ja nun schon ein Weilchen. Ist sie mal nicht da, mache ich mir Sorgen. Eigentlich wäre es ja gut, wenn sie nicht mit an der Ecke stehen würde. Und alle anderen auch. Und trotzdem bin ich froh, wenn das Trüppchen vollzählig ist.
    Einer ist wirklich nicht mehr da. Vor einem Jahr hatte ich die medizinische Hilfe gerufen, weil er völlig verdreht auf dem Boden lag. Die Sanitäter waren nicht gerade freundlich zu mir, dachten wohl, ich gehöre zu dem Trüppchen dazu. Und jetzt kommt er nicht mehr. Er hat es … Überstanden?
    Da hat es einigen die Beine weggeschlagen und ich weiß nicht, wie ich helfen kann. Wegsehen? Nein. Ich kann sie nur ganz „normal“ behandeln, ganz normal mit ihnen reden und es zulassen und mich bedanken, wenn mir einer die schwere Tasche über die Straße trägt. Vielleicht hilft auch diese Normalität ein wenig, dass sie sich nicht ganz ausgegrenzt fühlen.
    So viel wollte ich eigentlich nicht schreiben, aber genau diese Probleme gehen mir in der letzten Zeit öfter durch den Kopf, weil ich mir vorstellen könnte, in diesem Viertel ein Berufsfreiwilligenjahr zu machen.

    • der_emil sagt:

      Die beiden, die ich hier konkret zeichne oder skizziere, sind ja in meiner Phantasie entstandene und dort zum Leben erweckte, klischeehaft aus mehreren tatsächlichen Situationen und Menschen entstandene Figuren.

      Einen ihrer „Urväter“ besuchte ich ja zur letzten Weihnachtszeit im Krankenhaus, wo er nach einem Darmdurchbruch längere Zeit auf der Überwachungsstation bleiben mußte. Und nach dem wurde ich auch gefragt auf der Straße. Auch wenn Saufkumpane – ich würde gern ein besseres Wort benutzen, finde aber außer Leidensgenossen keines – blöde Bemerkungen machen: Ich ignoriere die und spreche Menschen an.

      In meinem „Gestatten? Der Emil“ heißt es noch immer wahrheitsgemäß «Ich betreibe Sozialarbeit (Streetwork), ohne daß ich dafür bezahlt werde [ … ]» Ich weiß nicht, ob ich das als oder im BuFDi so machen könnte wie jetzt, würde ich mich darinnen doch zu sehr angeleitet und verpflichtet und viel zu wenig kreativ handlungsfähig erleben. Wenn Du es allerdings möchtest und entsprechende Angebote dafür findest, dann wünsch ich Dir viel Erfolg, viel Freude und vor allem notwendige Unterstützung und Anerkennung dafür.

      • Gudrun sagt:

        Nein, Anerkennung wird es nicht geben, lieber Emil. Das sind die Vergessenen der Gesellschaft. Aber du hast Recht, ich werde sie ansprechen und ein paar andere, die ich inzwischen kenne, weil ich sie fast jeden Tag sehe, auch.

      • Gudrun sagt:

        Ich nochmal: Saufkumpane ist wirklich klein tolles Wort. Ich finde auch keines. Für viele in Leipzig Lindenau sind die Kumpels der einzige soziale Kontakt.
        Und weil diese Menschen oft abgelehnt werden, sind sie auch ablehnend. Es ist ein Kreislauf.

  3. Elvira sagt:

    Wildgans zitiert heute Jack London. Ich kommentiere dort mit dem Unverständnis darüber, dass es Existenzminimum heißt und nicht Lebensminimum. Diesen Menschen dürfte das egal sein, wenn man ihnen nur mit etwas mehr Respekt begegnen würde, sie nicht nur als Störenfriede wahrnehmen würde. Bei uns sitzen sie am kleinen Dorfteich, jeden Tag, sommers wie winters. Da keine öffentliche Toilette in der Nähe ist, verrichten sie ihre Notdurft zwischen den Büschen, was entsprechende Geruchskulissen entstehen lässt. Ich hatte in der Arbeitsgemeinschaft des Kiezes vorgeschlagen, ein mobiles Klo dort aufzustellen. Aber nein, das geht doch nicht, die sollen wonanders hingehen, dann kämen vielleicht noch mehr und und und…Ein bißchen Menschenwürde für relativ wenig Aufwand (auch finanziellen, da alle Geschäfte in der AG beteiligt sind) ist leider nicht durchsetzbar.

    • der_emil sagt:

      Lebensminimum ist Existenzminimum zuzüglich eigenen und sinnstiftenden Engagements ohne Verfolgungsbetreuung durch irgendwelche Ämter plus monetärem Überschuß zur Befriedigung durchschnittlicher soziokultureller Bedürfnisse.

      „Öffentliche Bedürfnisanstalt? Wozu denn, die können doch im Bahnhof gehen!“ Daß dort aber die Preise mittlerweile zwischen 60 ct. und 1.20 Eu liegen, fällt wohl niemandem auf – sofern dann im Bahnhof überhaupt noch ein Klo zu finden ist …

      Die öffentliche Daseinsfürsorge erschöpft sich heutzutage im Schaffen von Orten, wo Ausgestoßne nicht sichtbar für den Rest der Gesellschaft sind …

      Wenn für öffentliche Toiletten ähnliche Regeln wie für Parkplätze von Firmen gelten täten, dann wär das Problem recht einfach zu lösen: Wer Publikums- oder Kundenverkehr hat, aber keine Kundentoilette, der zahlt Ablöse in angemessener Höhe, so daß eine öffentliche Toilette gebaut und zu vernünftigen Zeiten betrieben werden kann (also länger als 18 Uhr zB.).

  4. minibares sagt:

    Wie? Ganz weg, nicht mehr wiedergekommen?
    Alle beide? Das ist ja mehr als eigenartig. Ok, wenn es einem schlechtgeht, der andere kann vielleicht nicht alleine…
    Ach, ist das schlimm. Eigentlich wie bei uns „normalos“ auch.

  5. Mies-an-tropisch sagt:

    Sehr treffend, wie hier das unbewusste ins bewusste geholt wird. diese menschen, die wir tagtäglich im vorübergehen wahrnehmen und doch überhaupt nicht zur kenntnis nehmen, sind eigentlich das wahre colorit unserer umgebung. So fiele es wahrscheinlich doch auf, wenn sie den eines tages fehlten. Vielleicht nicht sofort, aber nach dem zweiten oder dritten tag, wenn man denselben bogen macht, oder den blick auf einen leeren Fleck schweifen lässt, dann wird man sich irgendwann fragen, war da nicht mal jemand. und das unbewusste wird bewusst und zum ersten mal erlebt man ein bild was man jeden tag gesehen hat, dass jetzt aber nicht mehr da ist…

    • der_emil sagt:

      Danke erstmal für das Kompliment! 😉

      ’s ist wie mit den Leuten, die an S-Bahnstrecken wohnen: Man gewöhnt sich ans Geräusch und nimmt es nicht mehr wahr. Dafür fällt einem auf, wenn mal eine Bahn ausfällt …

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