3. Türchen (Nº 337 #oneaday): Licht aus!

Kerzen auspusten

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Wer Kinder oder Enkel hat, kennt die Szene bestimmt: Irgendwo auf einem Geburtstagskuchen oder neben dem Kamin oder am Weihnachtsleuchter brennt eine Kerze. Und ein etwa dreijähriges Kind kräht fröhlich und voller Erwartung und Vorfreude: “Ich auspusten!” Wie es dann die Bäckchen aufbläst, einen runden, spitzen Mund versucht. Sich zur Kerze beugt, dabei sogar halb auf dem Tisch liegt. Und dann: “Pffffffffhhhhht!” Lachen und große Freude, wenn es geklappt hat und die Flamme verlischt. “Nochmal” ruft das Kind dann, und: “Nochmal! Alle anmachen – leine pusten!”

Auf dem Adventskranz stecken vier Kerzen. Ganz traditionell wird ab dem ersten Advent nur eines der Lichter entfacht. Und dann der Kinderwunsch: “Alle anmachen!” Was soll man tun? Wie entscheiden? Es gibt doch schon viel zu viele Sachen, die heutzutage immer und ständig verfügbar sind. Vieles ist aus seinem zeitlichen Rahmen gerissen und verliert dadurch seine Besonderheit, wird gewöhnlich. Es fehlt dann die Zeit der Erwartung; die Vorfreude wird durch schnelle, kurze Befriedigung ersetzt.

So wird nun nur eine Kerze nocheinmal angezündet. Danach gilt es, die Wünsche des Kindes zu ignorieren, oder auch dabei – ausnahmsweise! – wenigstens dieses eine Mal mit der Tradition zu brechen. Eine schwierige Entscheidung: glückliche Kinderaugen jetzt oder später … Vielleicht ist auch eine andere Lösung möglich. Einfach einige andere Kerzen anzünden. Wäre das inkonsequent und dem Erziehungsziel abträglich? Weihnachten und der Advent. Weihnachten ist doch nur einmal im Jahr. Einmal. In jedem Jahr. Verliert es dennoch seinen besonderen Charakter?

Es werden dieKerzen auf einem Kandelaber angezündet. Einmal, zweimal. Und wieder “Pffffffffhhhhht!” Zweimal leuchten die Kinderaugen, zweimal ein glückliches Lächeln und das Klatschen der kleinen Händchen. Zweimal kleines großes Glück. Danach muß es genug sein. Im Schein der brennenden Kerzen wird das Kind ins Bett geleitet. Sogar Zähneputzen durfte es heute nur im Schein der kleinen Flammen. Alles ist so heimelig. Selbst das dicke Federbett sieht bei Kerzenlicht ganz anders aus.

Es ist mühsam, bei so geringer Helligkeit dem unter der Zudecke fast verschwindenden Kind die Gute-Nacht-Geschichte vorzulesen. Schnell wird aus dem bekannten Märchen ein ganz neues Abenteuer, das beim Erzählen erst erfunden wird. Schon an der Stelle, da Hänsel und Gretel auf Babylon 5 einen echten Jedi-Ritter, ja, einen Jedi-Meister treffen, schläft das Kind tief und fest.

Vor Verlassen des Kinderzimmers wird der Kandelaber zur Hand genommen. Bedächtig, den Geruch ganz tief einatmend, werden die Kerzen Flamme für Flamme im immer dunkler werdenden Zimmer ausgeblasen …

Der Verfasser des Blogs schleicht davon und dankt für’s Lesen.

P.S.: Positiv am 2. Dezember 2011 waren ein anrührender Abschied und ein sichtbarer Erfolg.

P.P.S.: Traut sich jemand zuzugeben, daß nachgeschaut wurde, was ein Kandelaber ist?

© 2011 – Der Emil CC by-nc-nd der_emil(at)arcor(dot)de

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Über Der Emil

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0 Antworten zu 3. Türchen (Nº 337 #oneaday): Licht aus!

  1. sucherin sagt:

    Wunderschön geschrieben und auch ich danke für´s Lesen.

  2. Als jemand, der mit Hui Buh aufgewachsen ist, hatte ich natürlich eine klare Vorstellung davon, was ein Kandelaber ist. Aber dass man auch ganz einfach „Armleuchter“ sagen kann, das weiß ich erst, seit ich es für alle Fälle nochmal nachgeschlagen habe….

    • der_emil sagt:

      Wobei die Anwendung dieser Erkenntnis andersherum mir viel mehr Freue macht: Zum Blödmann voller Innbrunst «Du Kandelaber» sagen zu können, hat was …

      • nextkabinett sagt:

        „Ein anrührender Abschied und ein sichtbarer Erfolg.“ … ja, zweiteres ist zu spüren, ersteres kann ich mir lebhaft vorstellen. Die Zeit wird weiter wirken … Du wirst es spüren!

        Was ist denn nun ein Kandelaber? 😉

  3. Inch sagt:

    Sehr gute Frage! Naja, ich halte es ja so, dass solche Wünsche nicht kurzfristig erfüllt wurden. Den Kindern wurde der Sinn der 1 Kerze bzw 2 oder3 Kerzen erklärt und das hat immer geklappt. Die Freude auf den nächsten Adventssonntag und eine weitere Kerze stieg je näher das Wochenende rückte. Kann natürlich daran liegen, dass sie eh so erzogen waren bzw sind, dass man nicht alles, was im Supermarkt in Greifweite liegt, haben muss, dass Markenklamotten und übermäßig viel Taschengeld oder überdimensional große und teure Geschenke nur was für Kinder sind, deren Eltern damit ihr Gewissen frei kaufen wollen (weil sie vielleicht in der Freizeit nicht soviel mit den Kindern gemeinsam machen). Altmodisch, ich weiß. trotzdem würde ich es heute wieder so machen.

  4. Lieber Emil,
    es ist ja kein Abschied für immer, du kannst den Kontakt doch weiterhin aufrecht erhalten.
    Ich denke mit dem einen oder der anderem wird es sich auch zu einer Freundschaft entwickeln können.
    JA ich gebe es zu, ich hab den Kandelaber nachgeschaut, obwohl DU mir diesen schon gefühlte 1000x erklärt hast.
    Im übrigen, ICH würde für das Leuchten in dem Augen sicher auch mehrere Kerzen anzünden und sie immerzu wieder ausblasen zu lassen. Mal ehrlich wer kann denn diesem Leuchten in den Kinderaugen wiederstehen.

    Ich wünsche allen Leserinnen und Lesern schon mal einen wunderschönen 2. Advent.

  5. Gudrun sagt:

    Ich wusste schon, was ein Kandelaber ist. Da stand mal einer auf einem Baumarkt. Und weil ich mir den Namen nicht gleich merken konnte, bin ich ein zweites Mal daran vorbeigeschlichen. Dann hatte sie’s. 😀
    Geschichten vorlesen oder erzählen im Kinderzimmer finde ich so gut, dass ich es eben jetzt zeichne, wie das damals war. Manchmal war ich sehr überrascht über die Ideen und Gedanken der Kinder, die diese Geschichten auslösten. Ich wünschte mir so sehr, dass den Kindern ihre Phantasie erhalten bleiben soll.

    Liebe Grüße an dich und einen schönen zweiten Advent

  6. Follygirl sagt:

    DAS weiß doch jeder?
    Hmm..komische Menschen gibts…

  7. minibares sagt:

    Kandelaber ist doch ein alter Begriff.
    Aber dass es ein schöner Abend war, das ist zu merken.

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