Elegische “Analyse” (Nº 222 #oneaday)

Auskotzen.
 
Ein beschreibender Monolog über Angst & Vergangenheit

To get a Google translation use this link.
 
Klingt bitter, ist schwierig. Und doch wahr. Und doch nur ein kleiner Teil vom Ganzen.

 
Montag, 27. September 1971

Müdigkeit und Lähmung, aber dem will ich mich nicht ergeben. Es ist das Älterwerden, ja. Und daß man zuviel schon weiß und nichts Neues mehr erwartet. Das Ausharren beim Nicht-Neuen will geübt sein.

Christa Wolf: Ein Tag im Jahr. © 2003 Luchterhand Literaturverlag,
München, S. 156 f. ISBN 3-630-87149-6
 
 

Für mich klingt das nach: Depression.

Wie die bei mir war/ist?

Müdigkeit, ständige Müdigkeit, nicht gewollte ständige Müdigkeit. Hervorgerufen durch ständige Selbstüberforderung: “Du mußt! Die anderen können doch auch. Reiß Dich zusammen und mach. Die anderen erwarten … Gerade Du kannst doch nicht aufgeben, nicht schonwieder versagen.“

Das lähmt. Dieses Wort: Versager. Lange Jahre eingebleut bekommen. Da hat “Erziehung” funktioniert.

Irgendwann wurde mir Manches zu schwer. Ich zog mich zurück. Reagierte auf Manches nicht mehr. Erledigte keine Post, holte sie nichteinmal aus dem Briefkasten. Wurde deshalb von Amts wegen abgemeldet. Fast ein Jahr ohne Strom in einer Wohnung. Immer nur Kerzenlicht, Radio mit Batteriebetrieb. Nie die Jalousien hoch und nur zu unmöglichen Zeiten aus dem Haus gehen. Trotzdem freiberuflich arbeiten. Gesoffen – um das Grübeln auszuschalten. Bei einer Frau untergekrochen, an Großes geglaubt und an Kleinigkeiten gescheitert.

Irgendwann wieder alleine wohnen. Nicht – niemals! – an die Vergangenheit denken. Alles ausblenden. Alles zu kennen glauben. Nichts Neues und Schönes mehr steht mir zu. Ich bin: Das Letzte. Und versage immerwieder. Das habe ich schließlich lange genug geübt. Das kenne ich. Da werde ich nicht noch unsicherer sein. Das kann ich perfekt.

Ablenken ablenken ablenken ablenken ablenken ablenken ablenken ablenken verdrängen ablenken verdrängen ablenken verdrängen ablenken verdrängen verdrängen verdrängen verdrängen verdrängen verdrängen verdrängen verdrängen. Nicht planen. Ignorieren. Weglaufen. Unsichtbar sein. Verdrängen!!!

Warum das alles? Weil ich mich zuvor habe einlullen lassen und Angst hatte vor dem Verlassenwerden. Vor dem Verstoßenwerden. Das haben sie mir angedroht. Mir, dem Versager. Ich habe versucht, ihren Erwartungen zu entsprechen, heile Familie gespielt – weiterhin versagt. Bis auch mein Traum verschwunden war, ich selbst daran glaubte, daß ich ihn mir “abgewöhnt” hätte. Bis es dann trotzdem nicht mehr ging.
 
(Fortsetzung folgt vielleicht …)
 



 
Heute? Heute habe ich immernoch Angst. Angst, wieder zu versagen. Obwohl ich nicht versagt habe und nicht versagen werde. Die Angst aber ist da, noch da, noch unausweichlich.

Ich habe nur so gehandelt, wie es mir beigebracht wurde und wie es von mir erwartet wurde.
 
Ich habe nicht versagt.

Der Verfasser des Blogs schleicht davon und dankt für’s Lesen.

P.S.: Positiv am 9. August 2011 waren der in meinem Briefkasten liegende Brief (mit Bild – ganz, ganz liebes Dankeschön für Beides!) und lange Gespräche.

© 2011 – Der Emil CC by-nc-nd der_emil(at)arcor(dot)de

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Über Der Emil

Not normal. Interested in nearly everything. Wearing black. Listening. Looking. Reading. Writing. Clochard / life artist / Lebenskünstler.
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0 Kommentare zu Elegische “Analyse” (Nº 222 #oneaday)

  1. anniefee sagt:

    ähm ja.Gute Beschreibung. Ein wenig mutig auch.
    „Ich habe nur so gehandelt, wie…“ — eben. Schuld immer nur bei sich selber suchen, ist fatal.

    • der_emil sagt:

      Aber auf diese Fatalität wurde ich trainiert, besonders nach der Wende. Jetzt ist es sogar gesamtgesellschaftlich anerkannt, daß ein Scheitern, eine Fehlleistung, das Nicht-Erreichen eines Zieles immer in der Person selbst begründet ist.

      Mutig? Der Druck war groß genug …

      • anniefee sagt:

        „das Nicht-Erreichen eines Zieles immer in der Person selbst begründet“ .. das wäre ja furchtbar, woraus schliesst du denn das ?
        eine gewisse Mitschuld mag man ja je nach Art der Fehlleistung haben, aber „immer“ ?!

        • der_emil sagt:

          Ja, das ist doch das, was uns ständig erzählt wird?! Biste Hartz IV, biste selber Schuld. Wer keine Arbeit findet, ist nur zu blöd/zu faul zu suchen und zu finden (dabei sind eine ganze Menge EHB Akademiker und zB nicht bildungsfern).

          Und so auch in allen anderen Bereichen – Frau, Geld, Abnehmen, Sport …

  2. Ilona Form sagt:

    Lieber Emil, ;;;; Warum reden IMMER andere von versagen, nichts taugen, schaffst du nicht???
    Du selbst hast mal gesagt, als es mit schlecht ging: Wenn die würden, was die mich könnten, würde ich den ganzen Tag auf dem Bauch liegen.

    hahaha das hat geholfen !!!!!
    Tschüüüsss Du lieber *Versager* hihi von Illo.*****

  3. Gudrun sagt:

    Weißt du, lieber Emil, die Ängste, von denen du sprachst, haben viele andere auch. Sie geben es nur nicht zu, und bei einigen ist es auch egal, ob sie jeden Tag Höchstleistungen bringen oder nicht. Sie müssen nicht.
    Eigentlich ein dämlicher Begriff. Höchstleistung. Was ist das, wer bestimmt das? Und was sind die Erfolge? Auto, Haus, Frisör, Privataudienz beim Arzt…? Irgendwie gibt es die Gesellschaft vor. Und sie diktiert auch, wer ein Versager ist und wer nicht. Nur annehmen muss man das sich nicht.
    Ich hatte jetzt noch viel mehr geschrieben, aber ich hab es wieder gelöscht. Ich glaube, meine Zukunftsvisionen gehören nicht öffentlich gemacht.

    Liebe Grüße von der Gudrun

    • der_emil sagt:

      Vielleicht bin ich geschädigt genug, um mir keinen Kopf mehr um meine Reputation zu machen. “So bin ich, ja, auch so kaputt. Komm damit zurecht oder laß mich in Ruhe.”

      Leistung ist m. M. n. sowieso das falsche Ziel – Zufriedenheit, Ich-Sein, eben gerade nicht nach Soll-Leistung bewertet sein, das wäre toll. Auch für die gesamte Gesellschaft. (Deshalb bin ich für ein BGE.)

      Und wie ich zum Schluß schrieb: Ich habe nicht versagt. War ein langer Lernprozeß, aber ist so.

      • Gudrun sagt:

        Ich weiß, und weil du das so geschafft hast, ziehe ich den Hut vor dir.
        Das, was ich wieder weggelöscht habe, bezog sich u.a. auf das BGE. 😀

        Liebe Grüße von gleich nebenan

  4. Gertje sagt:

    schwierig schwierig. Muss ich drüber nachdenken

  5. puzzle sagt:

    Was durch die ergänzenden solzialpolitischen Aspekte in den Kommentaren zum Blog, wie ich ihn verstanden hatte, hinzukam, scheint mir eine andere Thematik zu sein, auch wenn es miteinander verzahnte Abläufe geschaffen hat.

    • der_emil sagt:

      Ja. Stimmt.

      Und es gehört doch irgendwie zusammen, ist mitenander verzahnt. Wer dieser Maschinerie sich (unkritisch) ausliefert, wird ganz schnell dazu gebracht, sein Selbstwertgefühl zu verlieren, sich „schlecht“ zu bewerten und läuift damit Gefahr, auch in eine Depression zu schliddern.

      Und dann – siehe oben.

  6. Depressionen haben viele Ursachen. Und nicht nur „Versager“ werden depressiv. Meist sind es hochintelligente Menschen, Denker, Grübler, Kreative. Deine Depression war eine der schweren wie es scheint. Aus solcher Depression schafft man es nicht alleine heraus. Da genügt es auch nicht sich immer wieder vorzubeten, dass man kein Versager ist (dass eher die Eltern oder wer auch immer versagt hat). Vom Intellekt mag man das begriffen haben, aber es muss auch in der Psyche angekommen sein.

  7. anniefee sagt:

    och, das ist aber schön gesagt ^-^

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