Banca della memoria (Nº 34 #oneaday)

«Erinnerungen verschönern das Leben, aber das Vergessen allein macht es erträglich.» (Honoré de Balzac, 1799 – 1850)

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Wiedereinmal bekam ich einen Anstoß zum Denken, zum Nach-Denken. Oder besser: Eine Anregung zum selber schreiben, zum Selbst-Schreiben. Diesmal aus der Süddeutschen Zeitung vom vergangenen Wochenende (Sonnabend). Und obwohl es heißt, nichts sei so alt wie die Tageszeitung von gestern, sollte diese Ausgabe den einen oder anderen Blogger vielleicht doch etwas länger beschäftigen. Zumindest gilt dies für die beiden Feuilletons auf Seite 19.

Das erste, welches mit der Überschrift «Ein Leintuch, so groß wie das Meer» und dem Untertitel «Erinnerung, sprich: Ein gelungener Versuch, Oral History im Internet zu archivieren» vesehen ist, startet mit einer gar köstlichen Vorstellung:

 
«Irgendwann werden wir alle rübermachen ins Netz. Was sollen wir noch hier draußen, viele sind sowieso schon mehr auf Facebook als in der Wirklichkeit 1.0, dieser Mangelversion des Lebens, in der es regnet und ab fünf Uhr dunkel ist, in der die Züge Verspätung haben, in der man dauernd wichtige Termine vergisst und in der die nicht endenwollende Krise ihr graues Tuch über alles und jeden legt. Im Netz hingegen ist immer Tag, alles hat seinen Ort, es ist trocken und vor allem: Das Netz vergisst nichts. …»

Quelle: Süddeutsche Zeitung vom 29./30.1.2011, Nr. 23, S. 19
 

Axel Rühe schreibt über das Archivio Diaristico Nazionale, das seit 1984 in einem Dorf in der Toscana verschriftlichte Erinnerungen sammelt, archiviert mit Schlagwörtern versieht und konserviert.

Und der offenbarte mir die Existenz des digitalen Erinnnerungsarchives Memoro.org.

Auch ich habe mich – wie Rühe – dort umgesehen. Es gibt also nicht nur die mühevoll aufgearbeitete und dadurch kostbar gewordene «analoge Form der Schwarmintelligenz» (A. Rühe) der Tagebucharchive. Die Videoaufzeichnungen erzählter Erinnerungen einzelner Menschen werden auf Memoro auch zu einer Banca della Memoria – Bank der Erinnerungen. Ebenfalls mit Schlagworten versehen und damit miteinander so verknüpft, wie es in der Wirklichkeit 1.0 nie hätte sein können.

Und doch hat diese Sammlung episodenhafter Videos Nachteile. Da ist zum einen eben genau diese Episodenhaftigkeit. Zum anderen gerät das, was heute im Übermaß und völlig chaotisch auf mich einstürzt, das Leben, sicher auch in meinen späteren Rückblicken (wie in dieser Sammlung) eher zu Anekdoten.

Dem Rückblich auf Memoro.org fehlt die größere Unmittelbarkeit des Tagebuches, dieser "fast-live-dabei"-Eindruck, die Wut, Trauer, Verzweiflung und die Überraschung, das Glück, die Freude, die Liebe.

Im Rückblick des Tagebuches ist die nachzulesende und nachzuempfindende Verwirrung der Gefühle nicht so verlorengegangen. Zumindest erschien es mir so beim Betrachten von etwa ein oder zwei Dutzend Filmchen, in denen mir genau diese fehlte.

Trotzdem ist mir Memoro.org eine Empfehlung wert.

Der Verfasser des Blogs schleicht davon und dankt für’s Lesen.

PS: Morgen folgt dann ein Artikel zum zweiten Feuilleton dieser Seite …

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© 2011 – Der Emil

034 / 365 – One post a day

Über Der Emil

Not normal. Interested in nearly everything. Wearing black. Listening. Looking. Reading. Writing. Clochard / life artist / Lebenskünstler.
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0 Kommentare zu Banca della memoria (Nº 34 #oneaday)

  1. twixraider sagt:

    Da hab ich doch was für dich:

    Das wird natürlich nie passieren, allein schon weil sich Datenträger und Computer ein Rennen um die kürzeste Halbwertszeit liefern, allerspätestens nach 50 Jahren ist Schicht im Laufwerksschacht. Das Internet mag gigantische Mengen an Daten(müll) beherbergen, ist aber eigentlich ein Kurzeitgedächtnis. Der Zerfall der Maschine Mensch beginnt streng genommen schon mit 25, Senilität oder gar Demenz mit 50 ist aber sehr selten. Papier? Ich glaube nicht, dass sich der Indiana Jones der Zukunft für ausgebleichte Kassenzettel interessieren wird… nee, von uns wird weniger übrigbleiben als von Atlantis:

    http://www.zeit.de/2011/04/Computerspielemuseum

    Das Buch unserer Zeit ist übrigens schon geschrieben:

    http://www.buchkritik.at/kritik.asp?IDX=1060

    • twixraider sagt:

      Pffft, wordpress frisst wieder keine Bildlinks:

      http://c4.ac-images.myspacecdn.com/images02/127/l_aec10be279354ae5b19488d3f78a2faf.jpg

      Wieso müssen hier eigentlich auch Kommentare der Stammkundschaft auf Freischaltung warten, du Kontrollfreak? 😀

      • der_emil sagt:

        Auch hier: Gebranntes Kind scheut Feuer … Ich habe mit anderen Blogs/Sites eben sehr schlechte Erfahrung gemacht – der erste Kommentar war normal, danach hatte ich große Probleme, die zur Löschung der Site/des Blogs führten.

        • twixraider sagt:

          Hmmm, wordpress ist ja relativ spamsicher. Und ich kann mir jetzt auch nicht vorstellen, das dieser Blog radikale Polit- und/oder Porno-Trolle anzieht. Ich bin übrigens diese Woche hier rausgeflogen:

          http://cityreporter.de/

          Wie konnte ich es auch wagen, die schöne, neue Partywelt immer wieder in Frage zu stellen, ich böser, böser Eulenspiegel… war ja klar, je kleiner die Hirne, desto schmerzhafter sind Denkanstösse (Druck-Fläche-Verhältnis), so einen „Pain in da Brain“ will man natürlich loswerden! 😀

      • nextkabinett sagt:

        Gute Frage Mr. Twixraider. Man kann es so einstellen, dass Kommentatoren nur beim ersten Mal genehmigt werden müssen.

        Beste Grüße auch an den Staatssekretär für Haare und Möpse schön,
        die
        Social Secretary

        • twixraider sagt:

          Also bei mir war „nach dem 1.genehmigten Kommentar Feuer frei + E-Mail-Benachrichtigung“ ab Werk eingestellt, ich kuck ja auch immer schnellstmöglich nach, was meine Lieben so schreiben. Gute Trolle haben bei mir ohnehin Narrenfreiheit, die sind das Salz in der Internetsuppe… *pfeifenddavonschleich*

  2. Die Hellwache sagt:

    Lieber Emil, ein Text, zu dem ich eine ganz eigene Einstellung habe … ich habe sehr persöhnliche Erfahrungen mit Gedächnisverlust und Demenz in meinem Leben gesammelt. Wäre gut gewesen, ein „elektronisches Gedächnis“ in der Hinterhand zu haben! Natürlich läuft man auf einem Holzbein schlechter, ABER, man kann immerhin noch gehen, wenn auch hinkend.
    L“genügsame“G!

    • der_emil sagt:

      Ich bevorzuge es, sowohl ein papiernes als auch ein elektronisches Gedächtnis zu haben. Da bin ich bei Stromausfall oder im Bad noch in der Lage, in meinen Erinnerungen zu schmökern.

  3. schnecksche sagt:

    Tatsächlich muss ich erschreckender Weise feststellen, dass an besonders faulen Tagen, mein eigenes Leben echt mehr durch Facebook und Co bewegt wird. Gut, das ist sehr selten der Fall, dennoch findet für sehr viele Menschen REALES LEBEN echt nur noch im Internet statt. Sehr traurig.

    Ein Freund von mir, ich glaube der langweiligste Mensch, den ich Freund nenne, lebt auch fast ausschließlich noch im Internet. Nun war heute auch noch so ein Tag, an dem er feststellen musste, dass die Weiten des www. …. gespickt sind mit Avataren und menschlichen Fakes, die dort ihr Unwesen treiben. Es werden Hoffnungen geschürt und genauso schnell zerstört. Die Folge, die sich nun für unsere merkwürdige Freundschaft ergab: Er warf mir vor, dass ICH schuld wäre an dem Löschen, eines Profils, hinter dem ganz offensichtlich mein Exmann und seine kranke Freundin steckte. Dass ich aber vor 3 Monaten auf Grund solchen Stalkens noch durchgedreht wäre, das vergaß er komplett. Also wo bleibt da der Bezug zur Realität?

    Irgendwo im www.

  4. nextkabinett sagt:

    So lieber Emil, ich habe den Quellenverweis dahingehend geändert:

    Quelle: Süddeutsche Zeitung vom 29./30.1.2011, Nr. 23, S. 19.

    Zuerst das Wo, dann das Wann, dann die Ausgabennummer, dann die Seite. Man kann darüber streiten, ob die Ausgabennummer auch zum Wo gehört. Auf jeden Fall die Seite zum Schluss. So in etwa machen es die Germanisten.

    Hoffe, damit geholfen zu haben.
    LG, Renate

  5. nextkabinett sagt:

    Ach ja, Memoro.org kenne ich schon. Ich finde es nicht schlecht. Selbstverständlich ersetzt es nicht das sinnliche Erlebnis eines Hard- oder Softcovertagebuchs. Aber das Virtuelle hat durchaus seine eigene Weise des sinnlichen Erlebens. Man kann auch im Netz emotional stark angerührt werden. Technische Reproduzierbarkeit ist kein Hindernis, dass Erinnerungen nicht emotional wirken können, sonst hätte ja auch das Kino nie eine solche Wirkkraft entwickeln können. So in etwa jedenfalls.

    Es grüßt die SoSe

    • twixraider sagt:

      Wie gesagt, ReadOnlyMemory hält weniger als ein Menschenleben. Es wird zwar am unkaputtbaren Datenkristall gearbeitet, aber dann bleibt immer noch das Problem der Wiedergabegeräte. Und die Kristalle werden teuer bleiben, also wird darauf nur Wichtiges archiviert werden, worüber eine Elite bestimmen wird. Individuelle Erinnerungen werden verschwinden, wenn man sie nicht in Stein ritzt… hier noch ein aufschlussreicher Link zum Thema:

      http://www.salzburg.com/jugend/stories02/linklogs/zeitkapsel.html

  6. Pingback: Der Traum von der Zukunft |

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