2023/284 – Erbstück 016


Tagebuch A: Sonntag, 16. Januar.

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Ich war eindeutig zu früh wach. Aber die Erinnerung an einen Traum ließ mich nicht wieder einschlafen:

Als Kind (vielleicht auch nur in einem Traum) war ich für einige Zeit in einem schloßähnlichen Gebäude mit großer, halbrunder Terasse hinaus in einen parkartigen, mit Bäumen und Sträu­chern bestan­denen, fast als Mischwald anzusehenden Garten. An seinem unteren Ende war ein Zaun, eine Begrenzung aus grün verwittertem Sandstein. Durch ein hölzernes Tor führte der Weg da hindurch in einen Tierpark. Dort lebten, frei im ganzen Gelände umherziehend, Rot- und Damwild, Wildkatzen, Rinder und Ziegen und Füchse, alle handzahm. Es war die Aufgabe der Kinder, also auch meine Aufgabe, die Tiere zu füttern. Bei schönem Wetter nahmen wir alle Mahlzeiten in den Picknickhütten im Tierpark ein.

Heute traf ich eine der Frauen, die auch mich damals betreute, in jenem schloßähnlichen Gebäude wieder. Wir hielten uns nur im Fernsehzimmer und in der Küche auf. Ich sah nichts von außerhalb, konnte auch nicht durch die Fenster nach draußen blicken. Die Frau erzählte mir vom Niedergang des Parks, vom Sterben der Bäume und der Tiere im Tierpark. Sie schluchzte dabei, und nur in meinem Kopf sah ich währenddessen – im Traum! – filmische Szenen meines Aufenthaltes dort. Und immer wieder dieses eine Reh mit den großen traurigen Augen, das mich um Hilfe bittend ansah.

Dieses Reh setzte mit mir Kaffee auf. Lenkte mich bei allen Routinen ab, bis ich diesen Traum aufgeschrieben hatte. Auch danach überlegte ich immer wieder, ob das ein Traum von einem Traum war, oder ob darin wirklich Erlebtes verarbeitet wurde. Aber letztlich ist das doch egal, nicht wahr? Und ob es wohl überhaupt möglich wäre, das nur aus der Erinnerung heraus irgendwann abschließend aufzuklären? Und über dem Aufschreiben und der Nachdenkerei hab ich den Fernseh­got­tes­dienst verpaßt.

Zum Rest des Sonntags läßt sich nicht sehr viel sagen. Ich nähte zwei Knöpfe an, aß Butterspekulatius am Nachmittag zu Kaffee in Räucherkerzenduft. Ich friemelte an meinen Füll­feder­haltern herum (eines der Tintenfäßche ist jetzt leer). Ich habe auch ein paar Zeilen zu einem Text ergänzen können und eine Stunde am Stück gelesen.

Und jetzt frage ich mich: Wo sind die 14 Stunden Wachsein hin? Jedenfalls gehe ich jetzt … Nein, ich liege ja schon im Bett, das neben mir noch immer leer ist.

 

 

Mit diesem Text wird das geerbte Tagebuch fortgesetzt. Alle Teile der Erbkladden-Serie sind in diesem Link in umgekehrter zeitlicher Reihenfolge (neueste zuerst) zu finden. Über eines der Notiz­bü­cher erzählte ich ja schon vor langer Zeit, im November 2012. Ich tippe die kleinen blauen lateinischen Buchstaben ab, immer mal wieder. Erst jetzt nämlich darf ich abschreiben aus den „von einem Freund geerbten” Kladden mit dieser winzigen Schrift.

 

Ich schleiche mich davon und sage Danke fürs Lesen.

Der Emil

 

P.S.: Am 12. Oktober 2023 war ich zufrieden mit den zweimal 90 Minuten am Schreibplatz, mit der ersten Kanne Wintertee, mit der in der Badewanne verbrachten Zeit.

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Über Der Emil

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