Advent 2015: Das 16. Türchen (350/15)

Der Waldschrat Elim beendet den Weihnachtsbaumklau

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Meinen Adventskalender hier widme ich allen, die kämpfen, allen fernab von zuhause, allen, die krank sind, allen, die Unterstützung benötigen.
 
Ich wünsche all diesen Menschen und mir eine im wahrsten Sinne des Wortes wundervolle Weihnachtszeit. Meine Kerzen brennen für alle, die Hoffnung brauchen.

 

Es begab sich an einem Tag, den man morgen “Gestern” nennen könnte, da besann sich Elim, der Waldschrat, auf das Julfest, das auch im Halltal gefeiert werden wird. Er wollte dieser Tage das Schmücken der Wohnung für dieses Fest abgeschließen. Deshalb war er schon den dritten Tag unterwegs im Wald, auf der Suche nach einem kleinen Tännchen. Elim mochte es, wenn zu den Feiertagen ein solcher Baum mit verschiedenen Süßigkeiten, glitzernden gläsernen Kugeln und brennenden Kerzen geschmückt in seiner Stube stand.

So richtig will ihm die Vorstellung vom Fest jedoch noch gar nicht gefallen. Es fehlt der Schnee! Wo sonst gefrorener Waldboden mit weißem Schnee bedeckt unter seinen Füßen war, trat er jetzt in braune, vom Regen durchnäßte, beinahe schlammige Erde. Manchmal bildeten sich regelrechte Erdklumpen an seinen Stiefeln, die schwer an seinen Beinen zogen; manchmal glaubte Elim, der Waldschrat, er könnte fast steckenbleiben im Morast und müßte dann seine Stiefel im Wald zurücklassend auf Strümpfen heimgehen. Brrrrrr, das wäre trotz allem kalt an den Füßen – und außerdem müßte er sich fürchterlich schämen, weil er am Morgen die Socken anzog mit den Löchern, aus denen seine beiden behaarten großen Zehen ins Freie lugen würden. Doch noch mochte er nicht heimgehen, denn noch hatte er kein Bäumchen gefunden, das ihm recht gefiel. Der eine dort war zu groß, der andere zu klein, der war zu dick, der zu dünn, der hatte zuviele Zweige, der viel zu wenige. Und der da, der war zu krumm. Ja, wenn Elin nur eine Leiter mitgenommen hätte in den Wald, dann hätte er sich die Spitze einer der großen Silberfichten abgebrochen! Psssst, nicht verraten: Sich einfach so einen Baum aus dem Wald zu holen, das ist nicht erlaubt, das wäre ja Diebstahl. Aber der Waldschrat darf sich Windbruch aus dem Wald holen, soviel er auf seinen Armen zu tragen vermag, so sagt es das Gesetz. Deshalb bricht Elim seine Julbäume immer ab, deshalb benutzt er keine Säge, kein Beil. Und wie er daran denkt, schleicht sich ein diebisches Lächeln in seine Mundwinkel.

Plötzlich bleibt er vor einem kleinen, perfekten Bäumchen stehen. Er schaut es zufrieden an und denkt mit einem Mal an all die einsamen, unglücklichen Wesen, die zur Julzeit keine Gesellschaft haben. An all die traurigen Zwerge, Hexen, Elben, Menschen, Tiere und Pflanzen, die nichts vom Glanz und der Feierlichkeit des Julfestes erleben können. Dabei schaut er die kleine Fichte vor seinem Bauch an. Dann, ganz plötzlich, dreht sich der Waldschrat um und stapft durch den Schlamm zum Forsthaus. Dort lebt sein bester Freund Gustl, der seinen Handel für herrenlosen Julschmuck aufgegeben hat und mittlerweile Förster ist im Wald im Halltal. Ei ja, Elim wird in diesem Jahr keinen Windbruch, kein geklautes Bäumchen in seinen hohlen Baum am Rande des Halltals holen, in dem er schon seit vielen, vielen Jahren lebt. Nein, für sein Julfest soll kein Baum, keine Fichte, keine Tanne gefällt oder gebrochen werden. Denn zuhause, in der Vorratskammer, steht ein Zuber, der zum Baden nicht mehr dicht genug ist. Und gerade war dem Waldschrat eingefallen, daß dieser soviel Waldboden fassen kann, daß ein kleiner Baum wohl ohne Schaden zu nehmen für die Tage des Festes darin bleiben könnte. So, wie bei Kruziblicka viele Kräuter in Blumentöpfen am Fenster wachsen, so könnte der Baum in seiner Stube weiterwachsen.

Und nun sitzen Elim und Gustl vor dessen Forsthaus auf der Terasse. Bei einem Pfeifchen guten Tabaks läßt der Förster sich Elims Idee erklären. Also einen ganzen Baum auszugraben und ihn nach dem Julfest wieder im Wald einzugraben, hält Gustl zunächst für eine sehr, sehr sonderbare Schnapsidee. Doch nach einem Viertelstündchen kommt es ihm nicht mehr so verrückt vor; und nach einem weiteren Viertelstündchen stimmt Gustl schließlich zu. So gibt es ein amtliches Papier mit Stempel und Unterschrift, welches bestätigt, daß sein Inhaber sich für die Zeit des Julfestes, längstens aber für sechzig Tage, eine kleine Silberfichte aus dem Halltalwald ausborgen darf. Das Bäumchen soll in genügend Erde stehen während dieser Tage, und es soll ausreichend gegossen werden. Besonders sei darauf zu achten, daß die Kerzen nicht Schaden anrichten an den Nadeln undZweigen des Bäumchens.

Elim macht sich auf den Heimweg. Morgen wird er dann seinen Zuber auf seinen Handkarren laden, zur kleinen Fichte fahren, sie mit viel Erde ausgraben und in den Zuber setzen. Und wenn er danach wieder zuhause sein wird, so wird Elim, der Waldschrat, nicht mehr nur der Erfinder des Schwibbogens, sondern auch der des Weihnachtsbaumes zum Wiederauspflanzen sein. Nun aber macht er sich bettfein, schlüpft unter seine wunderbare Daunendecke, steckt sich die Enden seines Bartes in die Ohren, damit er bis zum nächsten Morgen nichts höre. Elim bläst sein Licht aus und schläft schnell ein. Und dann träumt er, wie er mit leckerem Spekulatius am Tisch sitzt und sein lebendiges, im Zuber stehendes, geschmücktes Julbäumchen betrachtet.

 

Alle Waldschrat-Geschichten sind hier versammelt.

 

Der Emil

Der Verfasser des Blogs schleicht davon und dankt für’s Lesen.

P.S.: Positiv am 15. Dezember 2015 waren eine wunderbar produzierte Sendung, die Karte für “Anna Karenina”, zwei fertige Geschichtchen.
 
Tageskarte 2015-12-16: Die Vier der Stäbe.

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Über Der Emil

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0 Kommentare zu Advent 2015: Das 16. Türchen (350/15)

  1. Rabin sagt:

    Eine wirklich schöne Geschichte, die morgen unbedingt noch einmal gelesen werden will. Bis dahin verträumte, verschneite Jul- und Rauhnächte.

    Es grüßt die Rabenfrau

  2. Momfilou sagt:

    Es dankt für diese Geschichte die Drude
    Gerel

  3. minibares sagt:

    Herzlichen Dank, dass du auch an Kranke denkst.
    Die Geschichte ist so schön, sie gefällt mir sehr gut.
    Liebe Grüße Bärbel

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