Einer von unzähligen hier herumliegenden Anfängen
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Sie traf ihn selten, aber sie sah ihn mitten in der Stadt, beim Discounter, im Bus. Er grüßte jedesmal, lächelte dabei wohl auch. Dann zog sie aus der Stadt in eines der nahen Dörfer. Doch er erinnerte sich weiterhin an sie. Einmal nur, ein einziges Mal hatte er sie – noch in der Stadt – besucht. Nie hatte sie den Eindruck, daß er nach ihr suchte. Nur das Grüßen und ein paar freundliche Worte blieben über viele Jahre.
Sie bekam ein Kind, trennte sich von dessen Vater. Sie heiratete einen Andern, bekam einen zweiten Sohn und floh aus der Tristesse, nachdem sie eine schwierige OP überstanden hatte. Die Kinder gab ihr Ehemann während der Wochen, da sie in der Klinik lag, in eine vom Jugendamt vermittelte Pflegefamilie. Es war diese Gleichgültigkeit, diese Hilflosigkeit, diese Verantwortungslosigkeit ihres Herrn Gemahls, die ihr den letzten Anstoß gab zur Flucht.
Plötzlich war alles anders. Ihr Leben, wie sie es gelebt hatte, wie sie es wohl erträumt hatte, war dahin. Alles wurde kompliziert und anstrengend und war nur noch mit der Hilfe einer Anwältin und verschiedener Ämter zu schaffen. An manchem Abend saß sie auf ihrem Bett und weinte nur noch, schluchzte stundenlang sich in einen traumlosen, kurzen Schlaf. Und eines Abends riß eine Nachricht sie aus ihrer Ohnmacht: “Jetzt habe ich ein neues Telefon und eine neue Nummer. Deine Telefonnummer hatte ich immer gespeichert. Wie geht es Dir? Gruß XY”
Der Mann, mit dem sie immer nur einen Gruß und ein paar Worte wechselte; den sie in den vergangenen Jahren nur ein- oder zweimal pro Jahr getroffen hatte; der, der nie bei ihr anrief und nie nach ihr suchte: Wieso meldete er sich gerade jetzt?
Wieder ein Anfang. Ich bemerke, daß sich die Ideen häufen. Schon immer hatte ich massenhaft Anregungen, Ideen, aber noch nie war ich recht gut in deren Ausführung. Auch hier stellt sich mir die Frage: Wie geht es weiter? Mir reichte immer der Anfang, der ein guter sein konnte – um den Fortgang des Angestoßnen sollten sich doch bitte andere Menschen kümmern. Fehlt mir die Disziplin?
Der Verfasser des Blogs schleicht davon und dankt für’s Lesen.
P.S.: Positiv am 14. Januar 2014 waren der inspirierende Nachmittag und die Pizza zum Abend.
Tageskarte 2014-01-15: 0 – Der Narr
© 2014 – Der Emil. Text unter der Creative Commons 3.0 Unported Lizenz
(Namensnennung, keine kommerzielle Verwertung, keine Veränderung).


Manche Ideen müssen erst jahrelang liegen bevor sie schmecken.
Und dann vergeß ich den Anfang wieder …
😀
(dagegen hilft allerdings die Disziplin des täglichen Schreibens).
vielleicht ist es ja dein ding: anfänge zu schreiben. anstossen.
vielleicht müssen diese geschichten gar nicht fertig erzählt werden?
So sehe ich es auch, liebe Sofasophia. Bester Emil, schreib ein Buch mit dem Titel: Anfänge …
Dieses Buch bleibt dann doch auch im Anfangsstadium stecken 😉
Mit dem Buch schreiben
währ echt supper!
Ob Deine Disziplin fehlt, kann und möchte ich gar nicht beurteilen. Deine Anfänge wirken auf mich, wie Kurzgeschichten mit offenem Ende. Offene Enden regen die Leserschaft zum weiter fantasieren an 😉
Und….manche Kunstwerke können erst vollendet werden, wenn die Zeit dafür reif ist 😉
LG
Du meinst, es gibt in der Kunst mehrere Kölner Dome? 😉
Ja, genau 😉
diese Geschichte ist nicht einfach nur ein Anfang, sie ist rund und in sich geschlossen, so empfinde ich es wenigstens, der lose hängende Faden macht die Spannung aus und überlässt den Fortgang der Geschichte den Lesenden … ist dies nicht die Kunst von Kurzgeschichten?
Sozusagen wie bei meinem Weihnachtsgeschenk oder wie bei Kurt Demmlers Schaf:
» Bitte male mir ein Schaf
und verleih ihm jene Gabe
dass ich wie du’s immer zeichnest
meins dazuzuzeichnen habe «
Irgendeine doofe, alte, innere Stimmt sagt dir, dass dir Disziplin fehle….vielleicht drüber lachen, das weicht immer festgefahrene Denkstrukturen auf….Manchmal löst sich was beim Lockerlassen…(z.B. daran zu erkennen, wenn Leute, die Kinder adoptieren, plötzlich schwanger werden, nach langen Jahren)- Gruß von Sonja
Irgendeine innnere Stimme (ja, ich kenne sie, diese Stimme, und ich weiß auch, von welcher realen Person sie abgeleitet ist) fragt mich: „Ist das denn fertig? Fehlt da nicht was? Bekommst Du nie etwas zuende gemacht?“ Weglachen geht eben nicht immer; zum Glück aber ist die Stimme nicht mehr laut und nicht mehr ständig zu hören.
(Das it der Schwangereschaft kenn ich auch ….)
Ich finde, dass diese Kurzgeschichten keineswegs nur Anfänge sind. Sie regen zum nachdenken an, beflügeln die Fantasie des Lesers. Man kann sich verschiedene „End-Variationen“ vorstellen. Nicht immer muss der Autor seinen Lesern „sein“ Ende „aufdrängen“. Und nicht immer müssen Geschichten am Ende „aufgelöst“ werden.
So sehe ich es halt. 🙂
Ja, ja, ja. Aber!
Ich möchte doch auch mal ein Happy End schreiben 😉
Vielleicht gelingt es Dir ja mal. 😉
Sehr schön Geschrieben, berührt mich tief im Herzen!
Hab sowas ähnliches schon selbst erlebt! Muste Weinen!
Danke!
Solche Geschichten geschehen tatsächlich? WIe traurig das Leben doch sein muß, wenn mensch solches Leben hat …
Vielen Dank für Deine Sätze hier.
Ah, von einem solchen Anfang sprachst du also. Ich schließe mich an, ich finde, die Geschichte ist rund und abgeschlossen – mit einer Tür: Wenn der Leser durch sie hindurch geht, eröffnet sich ihm eine Welt von schier unbegrenzter Weite. Frag mal diejenigen, die diese kurze Geschichte gelesen haben, welcher Fortgang sich direkt nach der letzten gelesenen Zeile in ihrem Kopf gebildet hat: jeder wird eine Antwort haben. Was ist eines Autors Ziel? Bilder, ganze Welten erschaffen? Nun, mit deinem Text hast du bereits Bilder und ganze Welten angestoßen.