354 – Advent 2024: 19. Türchen

 
Das ist der 15. Adventskalender hier. Ich widme ihn allen, die krank sind oder Unterstüt­zung benötigen, allen, die einsam oder allein sind. Möge allen Menschen eine im wahrsten Sinne des Wortes wunder­volle Weihnachtszeit beschieden sein. Meine Kerzen brennen wieder für alle Menschen und Tiere, vor allem für die, die Hoffnung und Trost brauchen.

 

Wie aus einer düsteren Szene ein Lächeln entsteht.

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Ein junger Mann steht alleine auf einem Bahnsteig. Es ist dunkel und naßkalt, aber vom Schnee, der gestern fiel, sind nur noch ein paar Pfützen übriggeblieben. So kurz vor Weihnachten spätabends unterwegs zu sein ist nicht immer ein Vergnügen. Aber es geht ja nach Hause für ihn, nach Hause, und er muß danach nicht mehr unterwegs sein bis zum Jahreswechsel.

Er sieht nur die Gleise an, blickt sich nicht um. Wozu auch, er kennt den Ort wie seine Westentasche. Er weiß, wo welche Familie wohnt, er kennt die meisten Geschäfte. Nur die Nagelstudios und Döner­buden haben ihn nie interessiert. Auch die drei Kirchen der Stadt sind ihm vertraut. Selbst „das Heim” – das von der Mutter und den Großeltern Feierabendheim genannt wurde – hat er oft besucht, obwohl niemand aus seiner Familie dort lebte. All das sind Orte seiner Kindheit und Jugend. Heute war er zum letzten Mal in dem Haus, in dem er lange Zeit wohnte.

Zum letzten Mal … Ein Abschied also. Warum erinnert er sich jetzt so überdeutlich an Szenen, die er schon lange vergessen glaubte? Das sonderbare Gefühl: Ist das Melancholie, Nostalgie oder Trauer? Sollte er sich nicht viel mehr auf die Gegenwart und die Zukunft freuen? Zuhause warten Frau und Kind auf ihn, zuhause steht die Weihnachtsdekoration, die Schwibbogen und Räuchermännchen, die Nußknacker und Leuchter. In den nächsten Tagen wird auch der Christbaum aufgestellt und geschmückt, vor Heiligabend schon. Das reduziert die Hektik und den Streß. Wo sonst Vorfreude war, ist – so empfindet er es auf diesem Bahnsteig stehend – heute nichts.

Das Handy klingelt. Er hört zu, bis ein einfahrender Zug für einen Moment alles übertönt. Was er erfährt, verändert etwas in ihm. Denn als er sich in der Bahn hinsetzt, lächelt er, und es macht sich die lang ersehnte Vorfreude in ihm breit. Auf ein Fest mit seiner Familie, auf die Zukunft, auf all das, was auf ihn wartet. Nur noch eine knappe Stunde …

 

 

Ich schleiche mich davon und wünsche eine schöne Advents- und Weihnachtszeit.

Der Emil

 

P. S.: Zufrieden war ich gestern, am 18. Dezember 2024 mit guten Nachrichten, mit erledigtem Bürokratiekram, mit altbekannter Weihnachtsmusik.


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Über Der Emil

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