(2018: Nº 346) Das 12. Türchen. Eine Bergbausage.


Der Häuer, der nur einen Eimer Taubes zutage brachte.

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Meinen Adventskalender hier widme ich allen, die kämpfen, allen, die krank sind, allen, die Unterstützung benötigen.
 
Ich wünsche all diesen Menschen und mir eine im wahrsten Sinne des Wortes wundervolle Weihnachtszeit. Alle meine Kerzen brennen für all jene, die Hoffnung brauchen.

 

 

Es war wenige Tage vorm Christfest, der alte Häuer fuhr wie jeden Tag ein in seine Grube. Er brauchte die paar Lot Silbererz, die er nach und nach aus dem Ort schlegelte. An diesem Tag würde der Hunt ganz sicher gerade voll. Den schöbe er dann zurück zum Füllort, zum Schacht, in dem auch seine Fahrten standen. Er würde wohl morgen mit dem größten der Kinder zurückkommen müssen. Und wenn er dann eingefahren war, würde er die Eimer füllen, die das Kind nach oben haspeln und leeren müßte. Nie aber würde er eines seiner Kinder hierher in die Grube schicken, niemals in die Finsternis, die sein Geleucht nur schwer durchdrang. Das Licht war untertage das allerwichtigste. Für Ein- und Ausfahrt hatte der Häuer ein Talglicht in seiner Bergblende, hier vor Ort brannte blakend ein Frosch. Und es war wichtig, daß ein Bergmann wie er immer, wirklich immer ein Auge auf dem Geleucht hatte.

Der Frosch war fast leergebrannt, da entschloß sich der Häuer, die Schicht zu beenden. Er füllte nochmal etwas Öl nach. Dann stellte er den Frosch auf den Hunt und schob jenen die Strecke zum Füllort zurück. Dort füllte er einen Eimer mit Erz. Er entzündete sein Talglicht in der Bergblende an der Flamme des Frosches. Jetzt hatte er Licht für die Ausfahrt und blies den Frosch aus. Für die knapp 17 Lachter hinauf auf den feuchten Fahrten sollte sein Geleucht noch reichen. Übertage könnte er dann im Mondenschein heimwärts gehen.

Nach einer langen Schicht war das Steigen auf den Fahrten mühselig. Sprosse um Sprosse ging es hinauf, die zweite, die dritte Fahrt. Da verlosch sein Licht und der Häuer stand in schärzester Schwärze, in der Dunkelheit, in des Bergmanns größter Angst. Er begann ein Vaterunser zu beten. Aber noch bevor er es beendet hatte – er war gerade bei “und vergib uns unsere Schuld” – erschien ihm der Berggeist. Der Berggeist, der zumeist große Grubenunglücke ankündigte, schwebte sanft leuchtend neben ihm im Schacht. Und dann sprach der Berggeist zum Häuer: “Du tust Dein Tagwerk hier unten schon lange. Und Du achtest darauf, nichts und niemand zu Schaden kommen zu lassen. Du begnügst Dich mit dem, was Du in der Schicht zutage bringst.” Die Stimme klang, als käme sie aus einer viele Lachter tiefen Strecke, leise und doch hohl dröhnend. Dem Häuer war Angst und Bange, und es hatte ihm die Sprache schier verschlagen. “Zum Dank für Deine Vorsicht und Deinen Glauben will ich Dich heute beschenken. Nimm dieses Licht,” sprach der Berggeist und griff in die Bergblende. Eine Flamme sprang auf. “Achte darauf, es von heute an bis Sankt Stephani nicht verlöschen zu lassen. Danach kannst Du es entzünden sooft Du willst, es wird nicht herunterbrennen. Doch von diesem Tag an bis Sankt Stephani hüte die Flamme wie Deinen Augapfel.” Der Häuer wollte sich gerade bedanken, da winkte der Berggeist ab: “Nun steige hinunter, fülle Deinen Eimer mit Taubem. Dann fahre aus. Haspele Deinen Eimer zutage und decke ihn augenblicklich mit Deinem Arschleder ab. Dann kehre heim.” Wieder wollte der Häuer sprechen, wieder hies der Berggeist ihn mit einer Handbewegung schweigen. “Stell diesen Eimer ins Haus direkt neben die Tür und sorge dafür, daß niemand, niemand hineinsieht bis Sankt Stephani. Bis dahin kehre auch nicht in diese Grube zurück. Es würde Dich ein fürchterliches Unglück ereilen.” Die Kerze in des Häuers Bergblende flackerte kurz bedrohlich. “So Du Dich aber an meine Anweisung hältst, dann nimm an Sankt Stephani beim Abendläuten Dein Arschleder vom Eimer und putze es, wie Du es noch nie geputzt hast.” Der Häuer konnte nur nicken, doch diesmal forderte der Berggeist ihn auf, einen Schwur auf Gott und dessen Sohn zu leisten. “Ich schwöre, Deinen Anweisungen zu folgen, bei Gott, dem Vater, und Jesus Christus, seinem Sohn, der in fünf Tagen geboren wird.” “So tust Du recht, Bergmann. Sankt Stephani, beim Abendläuten!” Und der Berggeist verblaßte und das Licht der Bergblende war heller als alles Licht, das der Häuer bisher mit untertage hatte.

Da stieg der Häuer wieder hinab, kippte das Erz in den Hunt zurück und füllte den Eimer mit Taubem. Die Ausfahrt fiel ihm leicht wie schon lange nicht mehr. Beim Ausstieg aus dem Schacht schien der volle Mond, und der Häuer war versucht, die Kerze in seiner Bergblende zu löschen. Doch gerade noch rechtzeitig erinnerte er sich an die Worte des Berggeistes, “es bis Sankt Stephani nicht verlöschen zu lassen”. Er band dann sein Arschleder ab und machte sich ans Haspeln. Sobald der Eimer oben war, deckte er ihn ab. Dann trug er ihn heim. Seine Frau, die fünf Kinder und die Katze erwarteten und begrüßten ihn. Ganz beiläufig stellte er den Eimer neben der Tür ab und hieß alle an, um Gottes und Gottes Sohnes Willen den Eimer keinesfalls auch nur genauer anzusehen. Zwar fragte sein Weib, was es mit dem Eimer für eine Bewandtnis hatte, doch er wiederholte nur unwirsch: “Nicht anrühren”. Das Arschleder selbst war so voller Dreck und stank so widerwärtig, daß selbst die Kinder und die Katze sich nicht in seine Nähe wagten. Und wahrlich, es schien, als hätten alle den Eimer für die sieben Tage vergessen, die er nun hinter der Tür stand. Zwar wunderten sich Weib und Kinder darüber, daß der Bergmann nicht einfuhr, doch im Hause war genug zu tun. So verging die Zeit. Und es ward Weihnachsabend und zur Bescherung gab es Zuckerzeug und Äpfel und Nüsse und für das Weib einen hübschen Reif. Und dann war die Mitternachtsmesse und der Christtag und schließlich kam Sankt Stephani.

Beim Abendläuten der Kirche unten in der Stadt fiel dem Häuer seine noch immer brennende Kerze in der Bergblende auf. Und plötzlich erinnerte er sich auch wieder an das, was er die vergangenen Tage als Fieberphantasie abgetan hatte. Da war der Berggeist, der ihm auf den Fahrten erschienen war. Da erinnerte er sich auch wieder an das, was der Berggeist sagte: “Nimm an Sankt Stephani beim Abendläuten Dein Arschleder vom Eimer und putze es, wie Du es noch nie geputzt hast.” Der Häuer tat wie ihm geheißen und putzte und putzte und putzte. Das Arschleder glänzte im Schein der Bergblende fast heller als da, was im Eimer lag. Und der Häuer wurde stutzig. Im Eimer war Taubes, das konnte nicht glänzen!? Ungläubig schaute der Bergmann genauer hin. Dann sank er auf die Knie. Im Eimer lag bis oben hin gediegen Silber. Und er sprach erneut ein Vaterunser und ein zweites und ein drittes. Und er dankte Gott und dem Berggeist für das Silber, und noch mehr alleine dem Berggeist für das Licht und die Errettung aus der Finsternis.

Der Häuer nahm sein Gewerk im Berg erst nach Epiphanias wieder auf. Und ganz gleich, ob er reiches oder weniger reiches Erz fand, sein Eimer half ihm, ein gottgefälliges Leben ohne Not und Hunger zu führen mit allen seinen Lieben. Doch seit jenem Tag sieben Tage vor Sankt Stephani in jenem Jahr tat er immer sieben Tage vor Sankt Stephani seine letzte Schicht. Nie vergaß er, dem Berggeist eine Gabe mitzunehmen zu dieser letzten Schicht. Danach ruhte er bis zum Tag nach Epiphanias. Und so arbeiteten er und seine zwei Söhne und deren Söhne und Sohnessöhne, bis einem von ihnen in einem Luftzug vor der Haustür das Licht in der Bergblende erlosch. Aber da ruhte der alte Häuer schon einige Jahre auf dem Gottesacker neben der Kirche, deren Abendläuten ihn dereinst an seine glückliche Begegnung mit dem Berggeist erinnerte.

 

 

Ob diese, meine Sage aus dem Erzbegirgischen Bergbau ein Vorbild hat? Ich weiß es nicht. Aber ich kann mich an die Darstellung des Berggeistes auf verschiedenen Weihnachtsbergen im Museum für Bergmännische Volkskunst in Schneeberg erinnern und an die mit ihrem Erscheinen verbundenen Grubenunglücke. Also: Ich ließ meiner Fabulierlust einfach freien Lauf. (Ich kläre über unklare Begriffe gerne in Kommentaren auf.)

 

Euch allen wünsche ich eine Zeit vieler glücklicher Momente.

Ich schleiche mich davon und sage Danke für’s Lesen.

 
Ich kann in diesem Jahr keine besondere Aktion empfehlen, denn es gibt so viele, die der Unterstützung wert sind. Ich bin in diesem Jahr einer von den Menschen, die auf der Straße genauer hinsehen und dort helfen, wo Hilfe nötig und mir möglich ist.

 

Der Emil

P.S.: Das Gute am gestrigen 11.12.2018 waren die Fabulierlust, Internet-Schnorren, vorbereitetes Essen für heute und morgen.
 
Aussortiert habe ich gestern seit Jahren ungenutzes Geschirr und eine kaputte Wanduhr.
 
Die Tageskarte für heute ist die Vier der Stäbe.

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Über Der Emil

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0 Antworten zu (2018: Nº 346) Das 12. Türchen. Eine Bergbausage.

  1. Arabella sagt:

    Zauberhaft

  2. Im Ruhrgebiet macht dieser Tage die letzte Zeche Prosper Haniel dicht, dann ist der Bergbau dort Geschichte. Die Erinnerung wird versinken wie auch deine Sage einer längst vergangenen Zeit angehört.
    Vielen Dank! Habs gern gelesen.

  3. Nati sagt:

    Eine sehr schöne Geschichte, Emil.

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