Das 19. Türchen: Plötzlich und unerwartet.


Das überzählige Gedeck beim Festessen

To get a Google translation use this link.

 

 
Meinen Adventskalender hier widme ich allen, die kämpfen, allen, die krank sind, allen, die Unterstützung benötigen.
 
Ich wünsche all diesen Menschen und mir eine im wahrsten Sinne des Wortes wundervolle Weihnachtszeit. Alle meine Kerzen brennen für alle, die Hoffnung brauchen.

 

 

Einer meiner Kollegen stammt aus Afrika, genauer aus Burkina Faso. Seit vielen Jahren schon lebt er hier in der Stadt. Viel weiß, besser gesagt: wußte ich bisher nicht über ihn, und beinahe nichts über seine Geschichte, sein Leben vor der Flucht. Irgendwie hatte ich auch nie das Bedürfnis, mehr davon zu erfahren. Gestern hat sich das geändert. Plötzlich und unerwartet.

Gestern allerdings waren wir nach der Arbeit gemeinsam auf dem Weg zum Bahnhof. Ja, ich war ausnahmsweise nicht mit dem Wagen gefahren, weil ich einen Besuch auf dem Weihnachtsmarkt geplant hatte. Und das war der Grund, warum er und ich den gleichen Weg hatten. Zunächst liefen wir schweigend nebeneinander her. Dann sprachen wir über Dinge, die uns in der Firma unangnehm berührten. Danach schwiegen wir wieder. Am Weihnachtsmarkt wollte er sich von mir verabschieden. Ich weiß nicht, was dann geschah, aber ich legte meinen Arm um seine Schultern und lud ihn ein, mich zu begleiten. Die Frage, ob zuhause jemand auf ihn wartete, verneinte er. “Was soll ich auf einem deutschen Weihnachtsmarkt? Hier werde ich doch nur dumm angemacht und schief angeschaut, weil ich schwarz bin”, lehnte er die Einladung mit seinem französischen Akzent ab. “Moment. Du bist eingeladen. Und wenn jemand dumme Sprüche spricht, dann werde ich antworten.” Ich hatte ihn wieder losgelassen und hielt meine Hand hin: “Einverstanden?” Er griff zu.

Also zogen wir los. Glühwein. Mit Schuß für ihn, ohne für mich. Er selbst wollte es so. “Vielleicht kann ich mit genügend Glühwein vergessen, daß zuhause in Afrika ganz viele Menschen auf mich warten.” Er erzählte danach bei einem heißen Met von seinen Großeltern, die ein wenig Vieh hatten und seinen Vater und dessen elf lebende Geschwister mehr schlecht als recht durchbrachten. Der weiße Glühwein gehörte seinen Eltern. Die Mutter starb früh, als sie mit einem fünften oder sechsten Geschwister schwanger ging. Der Eierpunsch brachte ihn zu seiner Frau, seinen vier Kindern und seinem Studium. Es brauchte noch einen zweiten Eierpunsch, ehe er mir von seiner Arbeit als Lehrer im Norden seines Landes berichtete. Als er von den Überfällen der Islamischen Krieger erzählte, war seine Stimme belegt und ich glaubte, ihm standen Tränen in den Augen. Jetzt wußte ich also, wovor er geflohen war. Wir standen mittlerweile an einem Grill, hatten beide Bratwurst bestellt. Beide mit Senf. Nach dem Essen erzählte er mir von den Monaten, die er brauchte, um von Burkina Faso nach Europa zu kommen – in einer Kurzfassung. Bis jetzt hatten wir beide noch keinen scheelen Blick, noch keinen dummen Spruch gehört. Und als er einmal angerempelt wurde und deshalb zusammenzuckte, drehte sich der Rempelnde nur um und entschuldigte sich für seine Ungeschicklichkeit.

Es wurde Zeit, zum Zug zu gehen. Und auf dem Weg zum Bahnhof erst erfuhr ich, daß er ganz in meiner Nähe wohnte, nur eine Straße weiter. Dann schwieg er. Müde. Von seiner eigenen Geschichte abgeschreckt? Ich wußte sowenig über die Menschen, die meine Nachbarn, Kollegen, Mitmenschen sind. Im Zug schwiegen wir, ich sah den dunkelhäutigen Mann, der mir da gegenüber saß und aus dem Fenster schaute, nur manchmal verstohlen an. Auch den Bahnhof verließen wir schweigend. Vor meiner Haustür wollte er sich verabschieden. Aber meine Frau kam auch gerade heim und ich stellte die beiden einander vor. Herzliches Händeschütteln. Und dann fragte meine Frau: “Sie sind doch Weihnachten alleine, stimmts? Wissen Sie was? Ich heiße Jana und Du – ? – bist Heiligabend und zu den Feiertagen zu uns eingeladen. Als gern gesehener Gast. Einverstanden?” Mein Kollege konnte nur stumm nicken. Er kniff die Lippen zusammen, drückte auch mir die Hand und eilte dann davon.

Plötzlich und unerwartet wird Weihnachten ein wenig weihnachtlicher, und das eine Gedeck mehr am Tisch für den unerwarteten Gast wird ein viertes, nicht wie sonst ein drittes sein. Meine Frau hat es geschafft, das auszusprechen, was ich mir nicht zu sagen traute.

 

 

Der Emil

Der Verfasser des Blogs schleicht davon und dankt für’s Lesen.

P.S.: Positiv am 18. Dezember 2014 war die geschaffte Arbeit im Musikpool.
 
Tageskarte 2014-12-19: Das As der Kelche.

© 2014 – Der Emil. Text unter der Creative Commons 4.0 Unported Lizenz
CC by-nc-nd Website (Namensnennung, keine kommerzielle Verwertung, keine Veränderung).

Über Der Emil

Not normal. Interested in near everything. Listening. Looking. Reading. Writing. Clochard / life artist / Lebenskünstler.
Dieser Beitrag wurde unter 2014, Adventskalender, Adventskalender 2014, Geschriebenes, Miniatur, One Post a Day abgelegt und mit , , , , , , , , verschlagwortet. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

0 Antworten zu Das 19. Türchen: Plötzlich und unerwartet.

  1. Emil, wenn alle Menschen in Deutschland so denken würden wie das Ehepaar in deiner Geschichte, dann gäbe es keine Demonstrationen, in denen Egoisten dafür demonstrieren, dass ihnen ja niemand ein ganz, ganz kleines Bisschen wegnimmt.

  2. S. Meerbothe sagt:

    Jetzt hab ich Wasser in den Augen. Eine schöne, weil wahre, Begebenheit.
    Danke, für’s Erzählen.

    Einen harmonischen Tag für Dich,
    Silvia

  3. Elvira sagt:

    Eine schöne Weihnachtsgeschichte! Es gibt tatsächlich Menschen, die sich um andere Menschen kümmern, abseits aller caritativen Organisationen. Das ist der kleine Funke Hoffnung, der das Blatt doch noch wenden könnte. Aber ich glaube nicht mehr daran, lieber Emil. Vor einer Stunde in etwa habe ich im Netz nach etwas recherchieren wollen und bin auf eine fb-Seite gestoßen, auf der über eine Kolumne eines Herrn Wagner mit der Überschrift: “Liebe Pegida-Idioten” in der Blödzeitung hergezogen wird. Die Kritiken sind zwar in dem Punkt richtig, dass Maria und Josef VOR der Geburt ihres Sohnes keine Flüchtlinge waren, was ich aber sonst dort in den Kommentaren gelesen habe, lässt mich daran zweifeln, dass auch nur ein Beitrag von mir etwas an deren brauner Gesinnung ändern würde (zumal sie die braune Soße, in der sie schwimmen, auch voller Überzeugung abstreiten würden). Das habe ich eben so auch in einem anderen Blog kommentiert. Denn Geschichten wie Deine wärmen zwar für einen Moment das Herz, aber ich glaube nicht, dass auch nur einer von uns nach draußen geht und das in die Tat umsetzen wird.

    • Der Emil sagt:

      Es gibt solche Menschen. Ich weiß es, weil ich jemanden kenne, dem genau das geschah. Nur habe ich es eben nicht erlebt.

    • Gudrun sagt:

      Nach draußen gehen und etwas in die Tat umsetzen versuche ich am 12. 01. des nächsten Jahres. Kann sein, dass es bis dahin grimmig kalt geworden ist. So etwas bekommt mir gar nicht, aber an dem Tag, an dem sich Leipzig quer stellen will gegen genau solche „Erscheinungen“, ist mir das egal. Hätscheln kann ich mich am nächsten Tag wieder.

  4. Gabi sagt:

    Eine schöne Geschichte. Und es freut mich, dass sie – wenn auch nicht von Dir erlebt – wahr ist.
    LG Gabi

  5. minibares sagt:

    Lieber Emil, was für eine schöne Geschichte. Wundervoll, so soll es überall sein.
    Liebe Grüße Bärbel

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

Diese Website verwendet Akismet, um Spam zu reduzieren. Erfahre mehr darüber, wie deine Kommentardaten verarbeitet werden.