Meine Sprachwelt schlägt Purzelbäume

Über den Gebrauch eines Wortes nachdenkende Textüberarbeitung

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Am Morgen sitze ich im Zug nach Magdeburg. Es gibt Strom für das Rechnerlein, aber leider kein Internet. Nun gut, nehm ich halt meine Kladde und beginne zu schreiben:

 

 

Viel zu früh am Morgen mußte ich aus der Nacht zurückkehren.

 

 

Halt. Stop! Moment mal – so geht das doch nicht? “Aus der Nacht zurückkehren” – das klingt poetisch; aber klingt es auch stimmig? Zurückkehren von einer Reise, einem Ausflug, nach Hause, in die Heimat, zu einem Thema, in den Schoß der …

Von woher kehre ich beim Aufstehen wohin zurück?

Wenn ich schlafe, so umschreibe ich das oft mit der Metapher “im Traumland weilen/sein”. (Da ist übrigens noch so ein Wort: weilen! Um sein anfängliches “w” beraubt, wird es heutzutage mehr als es gut sein kann benutzt.) Also kehre ich, auch wenn ich nicht träumte, aus dem Traumland zurück. Oder aus der Traumzeit?

Überhaupt: zurückkehren. Ist kehren nicht ein Synonym für “fegen” (mit einem Besen reinigen)? Ist zurückkehren also der Schlachtruf der Gebäudereiniger und Hausfrauen: “Seit 4.32 Uhr wird zurückgekehrt!” Ja, dieser Satz mag verpönt sein (Ha! Schonwieder eines dieser seltsamen Worte: verpönt!) wie so viele Sätze der deutschen Sprache. Aber soll ich, nur weil ein Satz vor langer Zeit einmal von irgendjemandem mißbraucht wurde, diesen Satz nicht mehr verwenden, ja, nichteinmal mehr denken? Der Gebrauch wievieler Sätze ist dann nicht mehr statthaft? (Und wieder eines: statthaft.)

“Aus der Nacht zurückkehren …”

Solange ich die Nacht ohne Alptraum verbrachte bzw. ich mich an eventuell doch gehabte Alpträume einfach nicht erinnern kann, so komme ich aus einer Idylle, aus einem ruhigem, erholsamen Zustand zurück in das normale Tagesleben mit seiner Hektik, seinem Streß, seinen schönen Momenten. Das Traumland ist nicht einfach nur ein fremdes Land. Es ist ein völlig anderes Universum, und ich bin, während ich dort verweile, aus der hiesigen Realität ausgestiegen, verschwunden, geflohen. Jedenfalls ist meine Seele unterwegs, während mein Körper … – aber soweit dürfte der Vorgang bekannt sein.

“Aus der Nacht zurückkehren …”

Meine Seele kehrt zurück, mein Bewußtsein, nicht aber ich als Ganzes. Meine Seele, die auf Wanderschaft in anderen Sphären und Dimensionen war, kehrt zu meinem Körper zurück, zu mir, in diese Realität. So fühlt es sich an, so erlebe ich es morgens und bei jedem Aufwachen.

 

Nun ändere ich den Anfangssatz in meiner Kladde. Nun kehre ich nicht aus der Nacht zuück, jetzt werde ich noch – blumiger? Poetischer? Romantischer? Kitschiger? Bescheuerter? Verworrener?

 

 

Viel zu früh mußte meine Seele das Traumland verlassen und zu mir in diese Realität zurückkehren.

 

 

Möge der Schmalz triefen; den fertigen Text biete ich dann einem Groschenromanverlag an.

 

Der Emil

Der Verfasser des Blogs schleicht davon und dankt für’s Lesen.

P.S.: Positiv am 30. April 2014 war das pünktliche Ende des Seminars in Magdeburg.
 
Tageskarte 2014-05-01: Zwei der Schwerter.

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Über Der Emil

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