Getrennt oder zusammen? (Nº 216)

Schreibfrage nach fünfzehn Jahren Schlechtschreibreform

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(Dieser Artikel ist seit einiger Zeit in meinem Entwurfsvorrat vorhanden. Weil mir bei der wieder eingetretenen Hitze rein garnichts einfallen wollte, hab ich ihn heute hier eingestellt.)

Als dieses Konstrukt von Unmöglichkeiten im Regelwerk 1998 eingeführt wurde, gab es in dem Dorf, aus dem ich stamme, einen zugezogenen Rechtsanwalt. Der klagte gegen die Anwendung dieser “reformierten” “Recht”schreibung im Rahmen der Schulbildung seines Sohne – und gewann! Allerdings gelang das nur für diesen einen Schüler und nur, weil bei der Einführung der Katastrophe Verfahrensfehler gemacht wurden.

Daß ich diese sogenannte “Reform” – die ich wirklich für eine Verschlechterung halte – nicht umsetzen mag, ja, nichteinmal umsetzen muß, ist sicher bekannt.

Die schlimmsten Veränderungen sind

  • die Annäherungen an Stammorpheme (ach, noch so ein Ding: Konsonantenverdreifachung wäre Pflicht) wie beim Blumenstengel (der von -stange abgeleitet sein soll);
  • die Regelungen zur Schreibung mit ß – ich habe das ß nur in der Trennung als Doppel-S erlebt, sonst war es ein eigenständiger Buchstabe;
  • die eingedeutschten Schreibweisen von Fremdwörtern wie Mayonnaise, Portemonnaie, Delphin oder Ketchup, wobei die von mir hier gezeigten Form als zu bevorzugende Schreibweise aufgeführt werdem;
  • die “Vereinfachung” der Kommaregeln, nach denen jetzt niemand mehr exakt weiß, ob ein Komma (“Beistrich”) gesetzt werden muß oder darf oder ob sich ein Komma an dieser Stelle verbietet;
  • die Getrennt- und Zusammenschreibung von Verben, Adjektiven und anderen Wortarten.

Und gerade bei den letzten beiden Punkten meiner Aufzählung scheitere ich in letzter Zeit immer öfter. Wie ist das bei “Je länger(, ?) je lieber”? Na? Komma? Kein Komma? Und im Satz “Ich schone mich(, ?) besonders(, ?) wenn es draußen so unerträglich heiß ist”? Na?

Richtig schlimm ist es jetzt bei mir mit der Getrennt- und Zusammenschreibung. Ich soll, wenn ich einen Spaziergang beabsichtige, nicht spazierengehen, sondern … Dann wird wird der verbeamtete Sesselpupser auch zum Sessel pupsenden Beamten (ich mag es mir nicht bildlich vorstellen). Für mich ist es auch ein Unterschied, ob ich Fahrrad fahrend unterwegs bin (ich kutschiere das Fahrrad mit einem LKW durch die Gegend) oder fahrradfahrend (dabei sitze ich selbst im Sattel und bewege das Fahrrad durch meine Muskelkraft).

Neuerdings muß ich sehr oft in meinen Duden sehen, um mich z. B. an die zweite Grundregel der Getrennt- und Zusammenschreibung zu erinnern:

 

 
K 126

Man schreibt zusammen, wenn eine bedeutungsmäßig enge Verbindung der Wörter besteht. Das ist der Fall,

a) wenn ein Wort der Fügung die Gesamtbedeutung maßgebend beeinflußt, d. h. bei Bedeutungsabschattung.

Beispiele: zusammen laufen (= gemeinsam laufen), aber: zusammenlaufen (= vereinigt werden; gerinnen); leer laufen (= ungenutzt laufen: eine leer laufende Maschine), aber: leerlaufen (= auslaufen: ein leerlaufendes Faß)

b) wenn die Wörter in ihrer Einzelbedeutung zugunsten einer neuen, oft übertragenen Gesamtbedeutung verblassen. Manchmal wird dabei aus einer Wortgruppe eine neue Wortklasse.

Beispiele: richtig stellen (= an den richtigen Platz stellen), aber: richtigstellen (= berichtigen); schwer wiegend, aber: schwerwiegend (= gewichtig); in der Folge (= in Zukunft), aber: infolge (Verhältniswort); zu Zeiten (= zu der Zeit), aber: zuzeiten (Umstandswort); so bald (= so früh), aber: sobald (Bindewort)

 

H. Klien (Hrsg.): Der Große Duden. Wörterbuch und Leitfaden der deutschen Rechtschreibung.
15. Auflage, 2. verbesserter Nachdruck (abgeschlossen 30. 6. 1959)
© VEB Bibliographisches Institut Leipzig 1966; Verlagslizenz 433 130/125 66 ES 7 D
 
 

 

Ja, das alles weiß ich – im Prinzip. Aber ich sehe es neuerdings viel zu oft anders, schlechtschreibgerecht auseinander, getrennt geschrieben. Und das bringt mich immer öfter zu Zweifeln an meinem Gefühl für die Sprache; genau dieses aber ließ mich aufgrund der erlernten und verinnerlichten Regeln leicht und sicher mit Texten umgehen. Nun befürchte ich, viel zu sehr verwirrt zu werden von den Schreibweisen, die ich tagtäglich lesen muß, und darüber mein Gefühl für die deutsche Sprache zu verlieren.

Nein, Sprache lebt und verändert sich ständig, ja. Aber muß sie jede aufoktroyierte Verunstaltung erdulden?

Der Emil

Der Verfasser des Blogs schleicht davon und dankt für’s Lesen.

P.S.: Positiv am 3. August 2013 waren der nächtliche Zoobesuch mit der allerallerallerbesten Freundin und gute Nachrichten.

© 2013 – Der Emil. Eigener Text steht unter der Creative Commons 3.0 Unported Lizenz
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Über Der Emil

Not normal. Interested in nearly everything. Wearing black. Listening. Looking. Reading. Writing. Clochard / life artist / Lebenskünstler.
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0 Kommentare zu Getrennt oder zusammen? (Nº 216)

  1. Eva sagt:

    Nach deiner Aufzählung weiss ich selber nicht mehr wie ich schreiben soll. Das ß habe ich vollkommen abgewöhnt, da ich nun nicht im Land lebe, in dem es das noch gibt. Aber die Frage ist eher primär: habe ich die Kommas richtig gesetzt?
    Vielen Dank für deine „Aufklärung“ oder Richtigstellung. Sie war sehr ausschlussreich.

  2. Ich musste umlernen. Früher war mir die Rechtschreibung sympathischer, (selbst-)verständlicher, einfacher. Heute bin ich mir oft unsicher. Ganz besonders bei Getrennt- und Zusammenschreibung … Und die Zeichensetzung interessiert – so scheint es – gar nicht mehr. Es werden lustig Kommas gesetzt oder weggelassen …

    • Der Emil sagt:

      Verpflichtend ist diese Reform doch nur für den Schulunterricht und für staatliche Stellen gewesen. Wieso haben auch alle anderen (gut, einige Tageszeitungen verweigerten sich weitgehend, zumindest anfänglich, oder kehrten zur herkömmlichen Schribung zurück) in blindem Untertanengehorsam mitgemacht?

      Und die Verunsicherung bei Dir und bei mir und auch bei sehr vielen Schülern (der Mehrheit!) seitdem finde ich alarmierend.

      • R.Feindler sagt:

        Meines Erachtens war diese RSR alles Andere als eine Reform. Es war eine Verunstaltung der deutschen Sprache. Was waren das nur für Koryphäen, die solch eine geballte Ladung von Unlogik und völlig überflüssigen Komplikationen als Rechtschreibreform auf die Nation loslassen konnten. Kürzlich las ich in einem theologischen Beitrag, dass ‚in der Katholischen Kirche für die Vergebung von Sünden „Reue und Busse“ unabdingbar seien‘. Da fragt man sich natürlich, ob es unbedingt ein Bus sein muss. Täte es vielleicht nicht auch PKW genauso gut?
        Mit solchen Beispielen könnte ich Seiten füllen. Wenn man dann noch in Betracht zieht, wie unsere Sprache von hässlichen und nichts-sagenden Anglizismen verhundst wird, dann wage ich zu prognostizieren, dass wir in 10-20 Jahren keine Sprache mehr haben werde, die sich noch deutsch nennen kann.

  3. irgendlink sagt:

    Lieber Emil, nun verknotet es mir das Hirn. Dass das Ausmaß an Fallen in der deutschen Sprache so groß ist, hätte ich nicht gedacht. Stimmt. Die Reform verwirrt. Stimmt auch gut korrigierte Texte sind ein Segen für uns Lesende. Somit sind Regeln wichtig. Aber solch komplizierte. Wenn die Rechschreibung ein Werkzeug sein soll, wie zum Beispiel ein Hammer, oder ein Rechen, wieso muss dann die Bedienungsanleitung so kompliziert sein. Wenn Du im Hammerladen einen Hammer kaufen würdest mit einer ähnlich verwirrenden Anleitung, würdest Du den überhaupt benutzen?

    • Der Emil sagt:

      Wenn der Hammer, wie wir ihn kennen, plötzlich „reformiert“ wird, so daß sich der Hammerkopf bei Bewegung um 90° dreht (und zwar ausnahmslos jeder Hammerkopf und bei jedem Schlag!) oder die Form des Hammerkopfes plötzlich nur noch Flächen mit negativem Krümmungsradius haben darf: Das wäre die der RSR entsprechende Veränderung.

  4. Sofasophia sagt:

    ich schreibe zwar tendentiell nach der neuen regelung, aber nur da, wo es für mich sinnvoll ist. auch kommas mache ich lieber eins zu viel als eins zu wenig, noch meinen deutschlehrer im ohr, der sagte, dass die kommas einen satz gestalten sollen, akzentuieren.

    bei der reform von der reform wurden ja auch wieder mehrere möglichkeiten möglich gemacht.

    ob das mein sprachgefühl verändert hat, könnte ich jetzt nicht sagen … vielleicht? meinst du mit veränderung verunsicherung? weniger leichtigkeit? das wäre nun wirklich schade, denn deine schreibe ist nämlich einfach klasse.

    • Der Emil sagt:

      Ja, da ist Verunsicherung. Die traumwandlerische Sicherheit der erlerntern, verinnerlichten und in Fleisch und Blut übergegangenen Regeln schwindet mit jedem Lesen dazu nicht passender (falscher), aber nach „Reform“ richtiger Schreibweisen. Und damit schwindet natürlich auch die Leichtigkeit …

      Allein die Tatsache, daß eine, nein, daß mehrere Reformen der Reform notwendig waren, weist doch darauf hin, daß die Reform nicht richtig und nicht gut war.

    • R. Feindler sagt:

      Jemand, die unsere Sprache verhunzt, indem sie die Groß- und Kleinschreibung missachtet,sollte sich an einer Diskussion über Sinn und Unsinn der RSR nicht beteiligen. Effektiver kann man sich nicht disqualifizieren.

      • Der Emil sagt:

        Ich habe echt eine Weile überlegt, ob ich es tu, ehe ich den Kommentar freigeschaltet habe.

        Die «Mißachtung» von Groß- und Kleinschreibung insbesondere im Internet (nur NICHT im WWW) hat seit nntp:// (usenet) und gopher:// Tradition wie beispielweise ebenso in der Telegrafie des Vorinternetzeitalters. Sehr effektiv kann man sich in einer Diskussion durch Vergeifen im Ton disqualifizieren

        Eine (echte) RSR hätte auch enthalten können, die englische Großschreibung einzuführen (Anrede, Eigennamen, Titel etc. und Satzanfänge groß-, alles andere kleingeschrieben). Insofern finde ich Sofasophia nur konsequent, wenn sie mit ihrer (nur im Netz benutzten) Kleinschreibung gegen die Verhunzung durch die sogenannte und mittlerweile einige Male schon wieder reformierte Rechtschreibreform protestiert. Alldieweil sie als Schweizerin sowieso noch andere Scheibregeln beherrschen muß als wir Deutschen oder Österreicher (z. B. das schon immer fehlende ß).

      • Sofasophia sagt:

        wie wäre es mit einem leerschlag nach dem komma?
        🙂

        • Der Emil sagt:

          Tippfehler sind immer erlaubt! Bitte: Keinen Kleinkrieg anfangen …

          • Sofasophia sagt:

            klar … ich mag es eben nicht, wenn vorverurteilt wird und habe darum kindisch zurückgegeben.

            sorry, lieber emil! dein blog ist wirklich zu schade für kleinkariertes.

            • Der Emil sagt:

              Außerdem: War Dir meines Parteiergreifens für Dich armes, mehsprachgebeuteltes Wesen nicht genug? 😉

              (Wenn ich gute Laune gehabt hätte, hätt‘ ich das Leerzeichen hineinkorrigiert, stillschweigend.)

              • Sofasophia sagt:

                dein plädoyer hab ich leider erst nachher gelesen …
                mehrsprachgebeutelt ist ein gutwort, arm bin ich aber nicht.

                ich hoffe, deine laune bessert sich oder hat sich schon gebessert.

                (über das korrigieren von kommentaren habe ich übrigens auch schon nachgedacht … aber du hast schon recht: tippfehler sind ebenso daseinsberechtigt wie kleinschreiberinnen)

    • R. Feindler sagt:

      Bei keiner dieser Reformen wurden, Gott sei Dank, die generelle Kleinschreibung angeboten. Wer sie praktiziert, trägt jedenfalls zur Verhunzung unserer Sprache bei.

  5. Elvira sagt:

    Sprache ist ein lebendiges Konstrukt und verändert sich immer – ob zum Besseren, muss unbeantwortet bleiben. Einige der neuen Regeln erscheinen mir durchaus sinnvoll. Da es bei meiner Schreibe auf nichts mehr ankommt, außer der Verständlichkeit, verlasse ich mich auf mein Gefühl. Was mich allerdings ziemlich verwundert, ist das zunehmende Fehlen des Sprachgefühls in den Zeitungen (ich rede hier nicht von Blöd&Co.).

    • Der Emil sagt:

      Warum soll es den Zeitungsschreibern (die noch dazu unter Druck arbeiten) besser gehen als uns, die wir liebevoll mit der Sprache umzugehen versuchen?

  6. giselzitrone sagt:

    Ich lerne auch immer noch dazu lasse mal einen lieben Gruß hier und eine gute neue Woche wünsche ich dir.Gislinde

  7. Gabi sagt:

    Ich muss gestehen, ich weiß meist auch nicht mehr, was richtig oder falsch ist. Ich hoffe, meine Mitleser werden über so manche Fehler hinweg sehen.
    LG Gabi

    • R. Feindler sagt:

      Ich denke, dass fehlerhaftes Schreiben entschuldbar sein muss. Systematisch falsch Schreibende (Kleinschreiber, Anglizismen, etc.) sind die wahren Sündenböcke. Vor mir liegt gerade ein Aldi-Prospekt: sport-shirt, (Diät) Drink, Basic-BH, Slips, living style, mixpack, etc. … Manche Ausdrücke haben mittlerweile gar keine deutsche Übersetzung mehr, weil von diesen armseligen Werbetextern von Anfang an systematisch Anglizismen eingeführt werden und somit unsere Muttersprache gar nicht erst die Chance bekommt, eigene Ausdrücke für neue Gegenstände zu schaffen.

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