6. Türchen (Nº 340 #oneaday): Das Druidenkraut

Die Mistel Viscum album L.

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Die Mistel. Ich seh Miraculix vor mir, den weißhaarigen Druiden aus den “Asterix und Obelix”-Comics und -Filmen. Der streift mit seiner goldenen Sichel durch die Wälder und sucht nach diesem Kraut. Ich erinnere mich an eine (schwarzweiße) Episode der Bildungsserie “English for you”, die ich in der Schule weit vor 1980 im Deutschen Fernsehfunk (DFF) gesehen habe. Oder hieß der Sender damals schon Fernsehen der DDR?

Welch ein seltsamer Brauch, einen Mistelzweig über der Tür aufzuhängen und darunter jede(n) einfach so küssen zu dürfen. Für Jungs der siebenten oder achten Klasse war das damals noch etwas ganz anderes! Unvorstelllbar war es.

Nun wurde ich ja älter und wollte irgendwann wissen, was es denn mit dieser Mistel auf sich hat. Als weihnachtlichen, grünen Schmuck des Hauses kennt man die Mistel seit Beginn des 17. Jahrhunderts, insbesondere aus England. Heute findet sich die Mistel auf sehr vielen weihnachtlichen Motiven und Dekorationen.

Viscum album 002

Warum die Mistel? Weil sie als Pflanze zwischen Himmel und Erde wächst, nicht auf dem Boden. Weil sie ihre Blätter nicht abwirft und zur Weihnachtszeit ihre Früchte, perlenähnliche weiße Beeren trägt. Weil sie – sogar wissenschaftlich bestätigt – Heilkräfte hat.

Es gibt viele Sagen und Legenden um die Mistel. Da wäre die Geschichte von Baldur, dem nordischen Gott der Sonne und des Sommers, der durch einen Pfeil aus Mistelholz getötet wurde. Auch bei vielen afrikanischen Völkern ging der Glaube, daß Häuptlinge nur mit Pfeilen aus Mistelholz getötet werden können.

Die Mistel soll auch der Baum gewesen sein, aus dem das Kreuz für den Zimmermannssohn aus Nazareth gemacht wurde. Der Baum schämte sich so sehr, daß er schrumpfte und zu nichts anderem mehr taugte als zum Glücksbringer. Die Mistel bringe allerdings dem Glück, der sie verschenkt, heißt es.

Die Ernte der Mistel ist heute noch ein Erlebnis: Die Druiden – denn es gibt wieder Menschen, die sich so nennen – kletter(t)en in weißer Gewandung wie Miraculix auf die Bäume, um dort mit ihren goldenen Sicheln zu arbeiten. In Good ol‘ England wird die Mistel mit dem Gewehr, im Schweizer Kanton Aargau mit Pfeil und Bogen zum Teil heute noch (oder wieder) heruntergeschossen.

Ich weiß aus meiner Kindheit noch, daß zum echten Weihnachtsgesteck nicht nur Tanne und Stechapfel, sondern meiner Oma zufolge auch Mistel gehörte. Den wahren Grund dafür, daß die Mistel zu einem Weihnachtssymbol wurde, werden wir wohl nie ganz genau herausfinden.

Aber ich muß es auch nicht wissen. Ich werde mir in diesem Jahr auch einige Mistelblättchen oder -zweige von einem der Friedhöfe hier in der Stadt holen. Dort gibt es nämlich eine Stelle, wo ich einfach dranlangen kann an eine Mistel, ohne Klettern und ohne Leiter …

Der Verfasser des Blogs schleicht davon und dankt für’s Lesen.

P.S.: Positiv am 5. Dezember 2011 waren: der Besuch beim Hausarzt, die doch recht kurze Wartezeit im Jobcenter, die überaus freundliche Mitarbeiterin der Krankenkasse, das fertige Interview, eine erfreuliche Nachricht.

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Über Der Emil

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0 Kommentare zu 6. Türchen (Nº 340 #oneaday): Das Druidenkraut

  1. nextkabinett sagt:

    Soviele postive Meldungen! Sehr erfreulich. Wieder ein schönes Türchen. Sehr hübsch. Unseren Staatsdruiden wird’s freuen.

  2. Wunderschön geschrieben, unterhaltsam und lehrreich. Das mit der Kreuzigung halte ich allerdings für ein Gerücht. Ja, sie hat schon etwas magisches, die Misteln. Aber klar, dass Du Dir Deine Misteln auf dem Friedhof besorgst…

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  4. Inch sagt:

    Solange Du Dich dabei nicht in ein weißes Gewand kleidest…

  5. Follygirl sagt:

    Hier gibt es auch ein Baum mit Misteln, aber der ist so hoch, da kann ich nicht ran.. schade…
    LG, Petra

  6. Schönen Nikolaustag wünsche ich Dir 😉

    Ich kenne das gar nicht mit den Mistelzweigen. Gehört schon, aber selber machen wir das nicht .
    Wir küssen überall ^^

    LG TB

  7. Gudrun sagt:

    Kochst du dann auch Zaubertrank? „Und dazu ’ne briese Salz. Nein! Oder doch?“ (Nicht wundern, das war ein Lieblingslied meiner Kinder.)
    Lieber Emil, ein Türchen mit ganz interessantem Inhalt konnte ich heute bei dir öffnen.

  8. markusbothur sagt:

    lieber emil,
    ganz toll… ich finde es gar gut, daß der mythos um das mistelkraut als weihnachtliches symbol bis heute ungeklärt geblieben ist. geheimnisvolles, doch anheimelndes festtagsgefühl…
    es grüßt, der mondmann

  9. Lieber Emil,
    die Idee dir Mistelzweige zu besorgen finde ich persönlich sehr witzig. Wenn du im weißem Gewand durch die Gegend schwebst. *lach*
    ABER: lass dich dabei nicht erwischen, ich habe erst gestern im Radio gehört, dass 2 Jungen im Wald unterwegs waren, sie haben Mistelzweige gesammelt. Als sie heraus kamen wurden sie strafrechtlich Verfolgt, weil in Deutschland die Mistel unter Naturschutz steht.
    Hier mal einen Link dazu: http://www.bfn.tv/lebensart/wissen/384-weihnachtsschmuck-aus-dem-wald-sammeln-verboten.html
    Nicht das du dir vor Weihnachten noch den Zorn der Behörden zu ziehst 😉

    Allen Lesern wünsche ich einen schönen Nikolaustag und hoffe das jeder eine Kleinigkeit gefunden hat.

  10. minibares sagt:

    Interessant die Infos über die Mistel.
    Das Bild ist auch sehr schön.
    Mal schaun, ich glaub, ich hole mir auch ein paar Zweige.
    Danke für den Hinweis.

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