1978 und 2011: Wie sich Wahrnehmungen gleichen
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Zur Zeit lese ich ja viel (die Buchliste ist in diesem Blog zu finden). Neben der “Akteneinsicht” habe ich jetzt aber auch das “Arbeitsbuch” beiseitegelegt – zur Zeit finde ich es einfach unlesbar. Barilly habe ich beide zur Entspannung verschlungen, “Transit” und “Das siebte Kreuz” habe ich zum wiederholten Male gelesen, und vieles darinnen kannte ich noch.
Wiedereinmal blieb ich am “Ein Tag im Jahr” hängen. Der Sonnabend war zusätzlich noch ein besonderes Jubiläum: der 50. Jahrestag der Errichtung des “antifaschistischen Schutzwalls”. Der “Mauerbau” war für viele Politiker Anlaß, über die großen Fortschritte der Gesellschaft seit dem Untergang des Kommunismus und des Sozialismus zu schwadronieren. Allerdings ist das, was Christa Wolf am 27. September 1978 schrieb, eine passende Beschreibung meiner Wahrnehmung der heutigen Situation:
Ich denke, daß die Politik, ihre Ziele und Formen, mitsamt den Männern, die sie ausüben, hoffnungslos überholt und unzeitgemäß ist, gar nicht in der Lage, die Probleme derGegenwart üerhaupt zu erfassen, geschweige sie einer Lösung näherzubringen. Auf Macht und Einfluß und Unterstützung ökonomischer Ziele orientiert, bringt jeder ihrer »Erfolge« uns in neue Sackgassen, und was die Politiker feiern, müßten die Menschen, würden sie nur ihre Interessen verstehen, unaufhörlich betrauern, ja bekämpfen; aber die Mehrzahl der Menschen versteht ihre Interessen nicht, sie trottet auf dem ausgetretenen, irreführenden Weg mit gesenktem Kopf dahin, und die wenigen, die aus den Institutionen ausbrechen, neue Formen mit neuen Zielen versuchen, sind hoffnungslos allein und im Hintertreffen, nichtsdestoweniger sind sie die einzige Hoffnung.
Christa Wolf: Ein Tag im Jahr. © 2003 Luchterhand Literaturverlag,
München, S. 236 f. ISBN 3-630-87149-6
Wenn ich mir nämlich das ansehe, was uns heute hierzulande als Politik vorgemerkelt wird, so ist das doch nur noch Vva. Ich habe einmal gelernt, daß Politik nicht nur Lavieren und Taktieren, Schadensbegrenzung und Volksverdummung, Pfründesicherung und Machterhalt dienen soll, sondern daß auch Visionen, der Wille zur Verbesserung der Situation im Staat (und der Staat ist, nebenbei bemerkt, das Volk, nicht die Institute, Verwaltungen, Apparate und Behörden, die zur Unterdrückung und Gängelung und Schröpfung des Volkes errichtet und aufrechterhalten wurden und werden, und auch nicht die Regierung) sowie zur Weiterentwicklung der Gesellschaft dazugehören.
Aber wo sind denn bitteschön die neuen Ideen, die auch in einer Regierung vorhanden sein sollten und die dann auch durch die Regierenden zum Wohle des Volkes umgesetzt werden?
Alles, was ich heute sehe, ist eine gewaltige Umverteilungsmaschinerie von unten nach oben.
“Du als kleiner Mann kannst doch in dem System sowieso nichts ändern.” So sprach am Sonnabend ein Bekannter, als es um die Probleme des “kleinen Mannes” ging und um die Abgehobenheit “der da oben”. Um etwas ändern zu können, müßten wir nicht nur deutschlandweit denken, sondern europäisch oder gar weltweit. Und da habe der “kleine Mann” eben keinen Einfluß.
Natürlich habe ich da widersprochen. Denn ich kann in meinem Umfeld etwas ändern, in meinem persönlichen Verhalten. Ich habe z.B. die Marktmacht als Konsument. Nicht ich alleine, aber “das System” besteht aus ganz vielen solchen Leuten wie mir. Wenn die Zahl derjenigen, die in ihrem Umfeld etwas nur ein wenig verändern, einen bestimmten Punkt erreicht, dann muß das gesamte System auf diese Veränderungen reagieren.
Und dafür gibt es zwei Wege: Entweder das System verändert sich im Sinne derer, die im Kleinen mit Veränderungen begonnen haben (blödes, hinkendes Beispiel: Kernenergie). Oder das Sytem muß gewaltsam (soziale Ächtung und Vernichtung, Waffeneinsatz, Entzug bürgerlicher Grundrechte – ups, das haben wir ja schon im SGB II) diese Veränderung zurückdrängen, unterdrücken. Zunächst wird es nur Wenige geben, die damit unzufrieden sein werden. Aber auch derer werden immer mehr. Und wenn der Leidensdruck bei zu Vielen zu groß wird, dann beginnen die “kleinen Leute”, sich zu wehren – dann kracht es im Gebälk der Gesellschaft.
Meine Hoffnung ist nun die, daß immer mehr kleine Leute etwas ändern und daß das System nicht mit Gewalt drauf reagiert. Daß wir hierzulande nicht britische Zustände bekommen. Daß wir wieder erkennen, daß das Volk eine Macht hat.
Und das wir – das Volk – diese zu unseren – des Volkes – Gunsten nutzen werden.
P.S.: Positiv am 14. August 2011 waren: das bißchen Sonnenschein am Morgen, das ausgelesene Buch und Deine Stimme am Telefon.
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Interessant an den vielen TV Beiträgen zum Thema Mauerbau – und ich gebe zu, ja, einige habe ich mir tatsächlich angesehen, zwei davon sogar bis zum Schluß- , die in den letzten Tagen liefen, war, dass sie allesamt von Westdeutschen oder so um die 30jährigen gemacht worden waren! Ossis, also auch solche, die tatsächlich mehr als 10 Jahre in der DDR gelebt haben, waren zwar überall als Interviewte zu sehen (neben freilich genug Wessis, die auch was zu sagen hatten), die Produzenten und Redakteute hingegen gehörten durchweg oben beschriebener Kategorie an. So als hätten die unter dem Ausgesperrtsein oder aber, im Falle der um die 30jährigen, an dem Erbe mehr zu leiden, als die, die tatsächlich eingesperrt waren.
Oder sollte es daran liegen, dass die ehemals Eingesperrten auch 20 Jahre nach ihrer Befreiung noch ganz andere Sorgen haben, als zu lamentieren?
Vielleicht hatten die meisten einfach Angst, daß der Ossi eine andere Wahrheit als die des alleinseligmachenden Kapitals kennt und diese auch zu äußern versteht.
Aber darum mag ich hier jetzt nicht diskutieren.
Oh, und ich entschuldige mich im Nachhinein noch für die vielen Rechtschreibfehler. Das liegt nur an der TASTATUR!!!
Lieber Emil, ich verfolge, dass es Dich wirklich besser zu gehen scheint. Das macht mich wirklich froh. Telefonieren wir auch mal wieder?
Apropos Mauer: Wolltest Du nicht schon vor Wochen im GnBK-Blog die Kategorien in ein Menü integrieren? Würde mich freuen, wenn wir das bis zum Ende der GnKB-Sommerferien hingekriegt haben würden.
LG, von der SoSe in Sommerferien
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