(K)Eine Buchempfehlung (Nº 26 #oneaday)

Noch ’n Zitat

(K)Eine Buchempfehlung.

 

«Jetzt sind wir hier. Was jetzt geschieht, geschieht uns.»

Anna Seghers. Das siebte Kreuz.
 

Carl Zuckmayer sagte zu dem Buch einmal: «Es ist das einzige epische Werk der gesamten deutschen Exilliteratur, in dem nicht nur mit gerechtem Zorn Partei genommen wird, sondern – aus der Ferne – ein menschlich glaubhaftes Bild des verfinsterten Deutschland gelungen ist.»

Pflichtlektüre war dieses Buch (Anna Seghers. Das siebte Kreuz) damals zu meiner Schulzeit in der DDR. Pflichtlektüre in Klasse 11 (wenn ich mich recht erinnere). In dem Exemplar, welches ich las, stand dieser Satz auf einer der ersten rechten Seiten im oberen Drittel. Darunter war nur noch wenig Text.

Ja, an solche Kleinigkeiten erinnere ich mich. Ein schwarzer Reclam-Band. Aus Leipzig. Und egal, wie politisch oder unpolitisch jemand sein mag, es steckt eine gewaltige Sprache in dem Buch. Eine Sprache, die mich fesselte (und heute noch fesseln kann).

Gutes Buch. Nur warum gerade dieses Stückchen Text?

Weil meiner unmaßgeblichen Meinung nach ich zu oft vergesse, daß, was geschieht, mich (uns) selbst betrifft, mir (uns) geschieht. (Und weil mich dieses Textstückchen gestern als Signatur einer Mail erreichte. Ein flash back.)

Ob Stuttgart21, Hartz-IV, Vorratsdatenspeicherung, Gesundheitsreform (Hey – wer reformiert wirklich die Gesundheit? Werden da nicht nur die Kosten auf die abgewälzt, die sie tatsächlich nicht tragen können? «Verbuchungsreform» wäre wahrheitsgemäßer, oder «sozialverträgliche Frühablebensförderung»), Afghanistaneinsatz, Dioxin …

Betrifft es mich tatsächlich? Sehe ich lieber darüber hinweg, weil ich damit nicht belastet werden will? Schwierige Fragen, die ich mir stelle, und die ich so einfach nicht beantworten kann.

Ich merke schon, ich muß mich öfter daran erinnern und öfter danach handeln und mich öfter wehren:

Jetzt bin ich hier. Was jetzt geschieht, geschieht mir.

Es wird schwerer Stoff behandelt in diesem Buch. Aber es ist des Lesens wirklich wert.

Der Verfasser des Blogs schleicht davon und dankt für’s Lesen.

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© 2011 – Der Emil

026 / 365 – One post a day

Über Der Emil

Not normal. Interested in nearly everything. Wearing black. Listening. Looking. Reading. Writing. Clochard / life artist / Lebenskünstler.
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0 Kommentare zu (K)Eine Buchempfehlung (Nº 26 #oneaday)

  1. frizztext sagt:

    mit gerechtem Zorn Partei genommen wird…
    +
    frizz:
    Zorn und Denken gehören zusammen.
    Wer sich den Zorn nehmen lässt,
    lässt sich das Denken nehmen.

  2. frizztext sagt:

    vielen Dank, Emil, durch deine Anregung habe ich heute ins Netz gesetzt:
    http://flickrcomments.wordpress.com/2011/01/26/rage/
    RAGE / ZORN …

  3. Mieze sagt:

    Ich habe das Buch auch gelesen, bis jetzt zweimal. Einmal gab es mir meine damalige Tutorin, Frau Schürmann (eine großartige Lehrerin) und ich war gefesselt von der Sprache, von der Geschichte. Dann las ich es ein zweites Mal, weil der Freund meiner Schwester das Buch in der 12. Klasse lesen musste, es aber deutlich zu schwer fand, sodass ich ihm das Buch in knappen Kapitel-Sentenzen zusammenfasste. Wieder Bilder im Kopf, ein Sprachrauschen. Das Buch hat für mich die Farben des kommenden Frühlings, allerdings im Kleid des noch bestehenden Winters: Grauer Himmel, fahles Licht, braune, nasse Erde und über allem liegt ein nasser Schleier. Seltsam, oder?

    Aber mit diesem Satz „Jetzt sind wir hier. Was jetzt geschieht, geschieht uns.“ trifft Seghers doch alles. Wir sind im Präsens, was nun geschieht uns jetzt. Keine Sorge um die Zukunft, sondern das Jetzt ist entscheidend. Für uns.
    Oder nicht?

    • der_emil sagt:

      Liebe Mieze,

      nur werden sich die heute Jungen wohl doch schwertun mit dem Stoff des Buches. Egal, wie berauschend Seghers‘ Sprachgewalt und ihre Fähigkeit zur Bilderzeugung sind (Bild-Erzeugung, Bilder-Zeugung? Nun, es ist ja beides!).

      «Wir sind im Präsens, was nun geschieht uns jetzt. Keine Sorge um die Zukunft, sondern das Jetzt ist entscheidend. Für uns.»

      Genau so. Auch, wenn die Zukunftsangst um sich greift. Bei mir auch die Angst um Bücher, nicht nur wegen derer Adaption an die neue deutsche Schlechtschreibung, sondern auch wegen Nachrichten wie der zur Neuschreibung von „Huckleberry Finn“.

      Danke für Deinen großartigen Kommentar.

      • Mieze sagt:

        Es gibt mittlerweile so einiges in deutschen Schulen; da werden Klassiker neu aufgelegt, indem man sie ihrer eigentlichen originalen Sprache beraubt. Für mich das eine Schändung des gedanklichen Gutes eines Autoren; ohne die Unterschiede, die eine Sprache ausmacht, wüssten wir doch gar nichts von Sitten und Gebräuchen der Vergangenen. Sicherlich können wir manches nicht mehr eigenständig entziffern, aber wie großartig ein sprachliches Werk sich uns eröffnet, wenn wir den Sprachschlüssel zur Entcodierung haben, das erfahren leider nur die wenigstens. Aber sie vermissen es auch nicht. Von daher scheints ja auch nicht schade drum zu sein. Aber mir tut es im Herzen weh, wenn ich sehe, dass vieles, was ich gerne lese, heute nicht mehr verstanden wird.
        Nunja, es ist wohl ein sprachlicher Entwicklungsprozess, das bedeutet, dass alles noch lebendig ist. Das ist doch schon mal gut.

  4. Die Hellwache sagt:

    Lieber Emil, dieser „Buchempfehlung“ werde ich alsbald nachkommen. Nein, ich kenne es nicht, doch dass lässt sich ändern :-). LG
    Liebe Mieze, alles ist im Fluss, auch die Sprache. Aber wenn ich mir „erneuerte Texte“ zu Gemüte führe, überkommt mich tatsächlich nicht selten, eine „sprachliche Übelkeit“. Seufz, ich empfinde es mitunter als „körperlichen Schmerz“, wenn alte Texte in das heutige Sprachbild gepresst werden. LG

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