Der Waldschrat und die Pyramide
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Mutig stürzte der Waldschrat sich am ersten Dezembertag in das Gewühl der Kauflustigen und -süchtigen. Neben den ersten Naschereien fürs Julfest gelang es ihm auch, diese fein nach Weihrauch duftenden und nicht qualmenden Räucherkerzchen zu erstehen, die er so liebte.
Dazu mußte Elim, der Waldschrat, allerdings ins Halltal. Und dieser Gang war kein leichter, denn die Schienenlindwürmer waren hoffnungslos überfüllt. Den ersten mußte er ziehenlassen, er fand einfach keinen Platz, auf dem er hätte sitzen oder stehen können. Es schien, als seien alle Zwerge, Hexen, Elfen aller Art und sogar die meisten Waldschrate unterwegs, um ihr gutes Gold gegen Tand und Naschwerk einzutauschen.
Mit dem zweiten Schienenlindwurm gelangte er dann ins Halltal. Wie hatte sich das verändert! Statt nach Wald und Gras roch es nach Gebratenem und Gesottenem. Überall dröhnten Gesänge der wunderlichsten Art. Der ganze Markt war voller Hütten gestellt, aus denen heraus die merkwürdigsten Geschöpfe noch viel Merkwürdigeres zu verkaufen suchten.
Der Waldschrat machte um die Würstchenstände und um die Glühweinhöllen große Bogen – so gut es eben in dem Gedränge und Geschiebe nur ging. Immer wieder verfingen sich sonderbare Gegenstände, die all das Volk in Tüten und Taschen mit sich herumschleppte, in Elims stattlichem Bart. Mehr als dreimal mußte er sich von Zwergenkindern angaffen lassen, die daraufhin ihre Eltern fragten, ob der grausliche Bärtige da nicht etwa ein Weihnachtsmann sei?
Pah. Elim, der Waldschrat, ein Weihnachtsmann! Das war zuviel. Auf seinem Weg durch das Gedränge hindurch aus dem Gedränge heraus fand er dann allerdings ein Kräuterhexlein, das auch seine geliebten Weichrauchkerzen feilbot. Nach kurzen Feilschen schob sich der Waldschrat drei Schächtelchen davon in seine Manteltaschen. Beim Weitergehen schalt er sich dafür, daß er mehr als fünf Stücke Gold dafür gelassen hatte – und doch war er zufrieden.
Dann, ganz am Rand des Trubels stand ein Hüttlein, in dem Gustl, ein anderer Waldschrat, umgeben von ganz viel Plunder stand. Elim erkannte ihn und der erkannte Elim, und sie begrüßten sich gar herzlich. Auf ein Pfeifchen und einen Schwatz blieb Elim stehen und hörte sich Schauergeschichten an, die der andere Waldschrat zu berichten wußte.
Unter anderem vernahm Elim, daß Gustl jetzt einen Handel für herrenlosen Julschmuck hätte. Erst wollte er es nicht glauben, aber dann besah er sich die Auslage in Gustls Hüttlein näher. Es waren wirklich viele Dinge dabei, die die Herzen ihrer Besitzer wohl nicht lang oder überhaupt nicht erfreuen konnten.
Eine sogenannte Weihnachtspyramide aber gefiel dem Waldschrat Elim ausnehmend gut. Ein kleines Häuschen, in dem biblische Figuren – so nannte Gustl sie – unter Palmen ihre Runden drehen, wenn unter den Flügeln Kerzen brennten. Zum Beweis blies Gustl vorsichtig an die hervorgeholte Pyramide, und wirklich, die Figuren bewegten sich. Dem Waldschrat gefiel es, und er stellte sich vor, wie das mit den brennenden Kerzen aussähe. Aber das könnte er nur selbst und in seinem Zuhause ausprobieren.
Was solls, dachte Elim, denn die Pyramide gefiel ihm wirklich. Und so handelten die beiden Waldschrate geraume Zeit miteinander. Schließlich – es begann bereits zu dunkeln und die ersten Besucher des Marktes schwankten heimwärtsgehend mächtig an ihnen vorbei – war ein Preis vereinbart und bezahlt und Elim machte sich zu Fuß auf den Heimweg. Er wollte nicht, daß seine Pyramide im Schienenlindwurm Schaden nähme und zerdrückt würde.
Spät war er zurück in seinem hohlen Baume, aber er mußte es noch sehen. Ach, wie allerliebst sich die Pyramide drehte! Im Schein ihrer vier Kerzen flitzten die Figuren nur so rundherum. Nachdem der Waldschrat sich sattgesehen hatte, löschte er die Kerzen, machte sich bettfein und kroch unter seine wunderbare Daunendecke. Dann steckte er sich die Enden seines Bartes in die Ohren, damit er bis zum Morgen des ersten Adventes nichts höre. Elim blies sein Licht aus und schlief schnell ein. Und dann träumte er, wie er mit leckerem Spekulatius am Tisch sitzt und seiner Pyramide am ersten Advent zum ersten Mal richtig beim Drehen zusieht.
Ich wünsche allen eine besinnliche, friedvolle Zeit.
Der Verfasser des Blogs schleicht davon und dankt für’s Lesen.
P.S.: Positiv am 1. Dezember 2012 waren die Einkaufserfolge auf dem Weihnachtsmarkt.
© 2012 – Der Emil. Text & Bilder stehen unter der Creative Commons 3.0 Unported Lizenz
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Grinsekatze … *smile*
DANKE!!!
Wünsche Dir einen gemütlichen ersten Advent! Petra
Wunderschön!
Ich wünsche dir einen wundervollen 1. Advent mit Spekulatius und Pyramide.
LG Gabi
Vielen Dank für die hübsche Geschichte, lieber Emil. Sie hüllt mich ein, in eine Zeit des Kindseins. Einen friedlichen 1.Advent wünsche ich auch Dir.
Liebe Grüße, Margot
Ich habe die Geschichte sehr gerne gelesen. Jedesmal kann ich mir alles bildlich vorstellen, was sehr viel über die bildhafte Sprache des Schreibers sagt. Dennoch bleibt ausreichend Platz für die eigene Phantasie. Ganz besonders ein wiederkehrendes Motiv der Waldschratgeschichten lässt ein Bild vor meinen Augen entstehen, das mir stets ein Schmunzeln entlockt: „…Dann steckte er sich die Enden seines Bartes in die Ohren, damit er …“.
Mit den besten Wünschen für einen schönen ersten Advent bei Spekulatius und gemächlichen Pyramidenrunden grüßt
Elvira
ich schließe mich Elviras Kommentar an, sie hat ALLES gesagt!
herzliche Grüße Ulli
Vielen Dank.
Reblogged this on Germanys next Kabinettsküche und kommentierte:
Was Waldschrate so alles in Halltal erleben … 😉
Pingback: 2. Türchen: Die Geschichte der 1. Kerze (1. Advent #337) | Germanys next Kabinettsküche
Wünsche weiterhin einen stimmungsvollen Advent und einen erfolgreichen Weihnachtsmarkt.
Der Weihnachtsmarkt … Der war erfolgreicher als vorauszuahnen und zu hoffen war …
Zauberhaft, lieber Emil, zauberhaft.
Hihi. Breitgrins. Im Halltal waren also alle. Und ich dachte, die sind alle hier, in der Tieflandbucht.
Danke Emil für deine stimmungsvollen Bilder, wie auch WORT-Bilder.
Hab eine schöne Zeit mit vielen Erlebnissen, die dein Herz erfreuen.
HERZ-lichst
M.M.
So schön!