Zunächst unkommentiert (52/313)

Neunzig Jahre altes Buch. Wie sich die Menschen ändern.

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Alltagsseele

Ein neunzig Jahre altes Buch
Es enthält einige Passagen, die auch heute noch aktuell sind und es nicht nur zu sein scheinen.

 

 
Die Ungleichheit der Menschen
 

So wichtig es für das theoretische Verständnis des Menschenlebens sein mag, daß man sich zunächst ein Bild “des” Menschen mache: für die Praxis des Lebens wird das wenig helfen; da gilt es die zahllosen Spielarten, in die sich die Gattung “homo sapiens” spaltet, zu beachten. Wir brauchen, um diese zu finden, nicht zu fernen Zonen und Zeiten zu pilgern, es genügte, wenn wir mit Lesages hinkendem Teufel über die Dächer unserer eigenen Städte stiegen und hineinblickten in die Säle und Gemächer, in die Bureaus und die Werkstätten, in die Wochenstuben und Totenkammern, auf all die Freude und den Jammer, den Zorn und die Liebe, die sich meist an erbärmliche Kleinigkeiten klammern und oft auf Trug und Torheit beruhen: sähen wir all das, so würde uns unsere Kenntnis der allgemeinen Struktur der Seele und die Formel “Leben” als Deutung dafür recht wenig sagen. Wir würden finden, daß sich die Menschen, die wir zunächst als “gleich” ansehen wollten, in den “gleichen” Situationen sich höchst ungleich benehmen, daß die einen stolz und kühl bleiben, wo andere ächzen und wimmern, daß die einen edel, die andern gemein handeln, ja wir würden schließlich zum Ergebnis gelangen, die Menschen seien so verschieden, daß nicht zwei Gleiche sich unter ihnen fänden. Wir würden erkennen, daß zwei Menschen, die stolz oder feige sind, doch nicht in gleicher Weise stolz oder feige sind; wenn zwei Menschen das gleiche sehen, hören und schmecken, sie doch niemals das gleiche sehen, hören und schmecken; daß sie bei gleichen Worten unendlich Verschiedenes denken. Kurz, wenn wir in die Herzen der Menschen hineinsehen könnten, so würden wir staunen über die Fülle der Möglichkeiten, die innerhalb jener grundsätzlichen Strukturgleichheit bestehen.

Richard Müller-Freienfels: Die Seele des Alltags. Eine Psychologie für jedermann. S. 66
Copyright 1925 by Volksverband der Bücherfreunde Wegweiser-Verlag G.m.b.H., Berlin W50

 

 

Der Emil

Der Verfasser des Blogs schleicht davon und dankt für’s Lesen.

P.S.: Positiv am 20. Februar 2015 war positives Feedback zum Lobpudel-Fleischwolf am Donnerstag.
 
Tageskarte 2015-02-21: Die Drei der Stäbe.


Über Der Emil

Not normal. Interested in nearly everything. Wearing black. Listening. Looking. Reading. Writing. Clochard / life artist / Lebenskünstler.
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