090–2024: Einzelexemplar

Die kühne Phantasie eines Handwerkers.

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Müde klappt er das Notizbuch zu und stellt es ins Regal zurück. Selbst jetzt, nachdem er sich alles von der Seele geschrieben hat, selbst jetzt ist er noch aufgewühlt. Das war aber auch … Nein, das war nicht nur ein verrückter Nachmittag, nicht nur ein verrückter Tag. Die ganze Woche war eine einzige Katastrophe. Waschma­schine, Rechner und Kaffeema­schine waren kaputtge­gangen, an zwei Tagen hatte er verschlafen und deswegen einen Termin und eine Verabredung verpaßt. Und dann auch noch diese überflüssige Umstellung auf die Sommerzeit – das war eindeutig zuviel. Von all den anderen Dingen, die er sich in dieser Woche vorgenommen hatte, blieb auch viel zu viel liegen, angefangen oder ganz unerledigt. Zum Glück hatte er noch alles da, um sich seinen Kaffee morgens mit der Hand zu filtern, ohne das schwarze Getränk hätte er gar nichts zuwege gebracht, wäre er nicht aus seiner Wohnung herausgekommen. Ja, Vorräte genug hat er immer, um eine ganze Woche oder auch zwei nicht einkaufen gehen zu müssen. Das wäre das Problem nicht gewesen. Aber eine ganze Woche in der Wohnung bleiben, bis auf den Weg zum Briefkasten, eine ganze Woche ohne Begegnungen mit Menschen: Das hält er nur noch schlecht aus. Und wenn so viel schiefgeht: Immer gibt er sich selbst die Schuld für solche Katastrophen.

Aber jetzt, jetzt macht er sich noch einen Tee, den er auf russische Art mit Kirschkonfitüre süßen wird. Sechs Minuten Ziehzeit sollten reichen, um ihn nicht mehr aufmunternd wirken zu lassen. Heiß. Vielleicht doch noch etwas Sahne dazu. Ausnahmsweise. Und trotz des vorgerückten Abends genehmigt er sich auch noch etwas Konfekt oder ein paar Kekse dazu. Das darf heute einfach sein. Er greift nach einem Block. Da stecken noch Sätze in ihm, die herauswollen, die nichts mit der Woche zu tun haben, die … Nun, vielleicht wird es ja noch eine Geschichte, eine Miniatur, irgendet­was Verwertbares … Dabei verwertet er nicht einen einzigen seiner Texte. Er läßt sie frei, auf die eine oder andere Art. Was aus ihnen wird, weiß er nicht bzw. erfährt er nur selten. Nur ein einziges Mal hat er versucht, einen Text gleich wieder zu verbrennen. Nein, das kann er nicht. Freilassen aber ist möglich, das macht ihm Spaß. Einen aus dieser Woche hat er mit Klebeband an einem Laternenmast befestigt, der war am übernächsten Tag erst weg. Ob der der Statdtreinigung zum Opfer fiel oder ein interessierter Leser den mitnahm: Er wird es nie erfahren. Ja, da war einmal eine Nachricht direkt an ihn, in einem der sogenannten Sozialen Medien, in dem ihm für seinen Frühlingstanka gedankt wurde, das wird jetzt so vier oder fünf Wochen her sein. Aber das war eine Ausnahme, eine der viel zu seltenen Ausnahmen. Doch darüber weiter nachzudenken hat er jetzt keine Zeit, jetzt schreibt er erstmal, was geschrieben sein will.

Dann, drei engbeschriebene Seiten später, legt er seinen Kopierstift beiseite. Zufrieden blickt er aufs Papier. Das sind Sätze, die er nicht einfach so irgendwohin legen oder hängen wird. Nein. Für das, was er gerade schrieb, wird es eine andere Vorgehensweise geben. Das werden die letzten drei Seiten für ein, für sein Buch. Abtippen, ausdrucken. Und dann – wie er es in seiner Buchbinderlehre gelernt hat – zu einem Buch binden. Ein einziges Exemplar wird es geben von diesem Buch, ein einziges Einzelexemplar. Und irgendwann in zwei Wochen wird er sich diebisch freuen darüber, daß er sein Buch in eine Bibliothek geschmuggelt hat, wo es mit Registraturkennzeichen in einem Regal stehen wird. Und dann würde er gern die Blicke der Bibliothekarin sehen, die der rothaarigen, wenn das Buch ausgeliehen werden soll und im Computersystem der Bücherei nicht vorhanden ist. Was dann wohl mit den weltweit einzigen Exemplar seines Buches geschehen wird?

Jetzt ist Zeit für Träume.

 

 

Erinnerung des Tages:

 

Mit einem Danke fürs Lesen schleiche ich mich davon.

Der Emil

 

P.S.: Zufrieden war ich am 30. März 2024 mit der Begegnung mit einer Schäferhundmischung, mit der Ankunft, mit einem sehr verdienten Feierabendbier 490 m üNN.

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Über Der Emil

Not normal. Interested in nearly everything. Wearing black. Listening. Looking. Reading. Writing. Clochard / life artist / Lebenskünstler.
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4 Antworten zu 090–2024: Einzelexemplar

  1. Roswitha sagt:

    lieber emil, dieser text gefällt mir sehr, inkl.- der verblüffenden pointe. da wünsche ich dir frohe ostern besonders gerne. alles gute für dich, roswitha

  2. Frohe Ostern wünscht Gerel!

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