087–2024: Zugesehen

Zwei Gespräche unter Wildfremden.

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Zugesehen hat sie immer gerne. Immer hier auf dieser Bank sit­zend, mit etwas Abstand zu uns. Bei fast jedem Wetter – nur bei sehr heftigem Regen, wirklich sehr heftigem Regen wie heute blieb sie zuhause. An allen anderen Tagen kam sie hier her. Aber selbst wenn wir ihr anboten mitzutun, jedesmal lehnte sie ab. Mit dem Zusehen war sie zufrieden. Wir nannten sie schon die Zusehoma, obwohl wir ihr Alter natürlich nicht wußten und auch nicht wirklich einschätzen konnten.

Dann sahen wir sie drei Wochen lang nicht ein einziges Mal. Und es war seltsam, die Enten zu füttern, ohne daß sie auf dieser Bank saß. Und zusah, einfach nur zusah. Irgendwann … Nun, wir wußten nichts über sie und machten uns dennoch Sorgen. Bis gestern. Da saß sie wieder auf der Bank. Beobachtete uns und die Tiere, die wir wie jeden Tag füttern, seit langem schon. Seltsam aber war sie schon, anders, irgendwie traurig. Deshalb setzte ich mich gestern neben sie und erzählte ihr, daß wir sie vermißt hatten. Da brach sie in Tränen aus. Und ich saß einfach daneben und wußte nicht, was ich hätte tun können.

Nach ein paar Minuten wurde sie wieder ruhiger. Und erzählte. Von ihrer Familie, von der Schwiegertochter und dem Sohn und den drei Enkeln, bei denen sie in den letzten drei Wochen war. Ja, sie sagte auch, warum sie so lange dortgeblieben war, aber das tut nichts zur Sache. Nie hätte sie auch nur im Entferntesten daran gedacht, daß wir sie vermissen könnten. Sie, die doch immer nur zusieht. Jetzt weiß ich ihren Namen, ihr Alter und wo sie wohnt. Und sie weiß das von uns jetzt auch, hat sich sogar meine Telefonnummer aufgeschrieben. Aufgeschrieben, in einem kleinen Büchlein, das sie aus ihrer Handtasche holte. Und auch wieder in der Handtasche verstaute. Was ich jetzt von all dem erwarte? Keine Ahnung. Wer weiß … Mal sehen, wenn sie morgen wiederkommt, dann werde ich wieder mit ihr reden.

Und ich weiß auch nicht, warum ich Ihnen das jetzt erzählt habe. Aber vielleicht … Wenn Sie öfter hier vorbeikommen, immer am Nach­mittag kurz vor Vier. Vielleicht. Jetzt muß ich aber, Sie sehen ja, die Kinder wollen nachhause. Ich denke, das Entenfutter ist alle. Bis irgendwann einmal wieder?

 

 

Das habe nicht ich erlebt, auch niemand anderes erlebte es so. Wie immer fließen Texte aus mir heraus über Ereignisse, die zwar so geschehen sein könnten, sich aber meist aus meh­re­ren Quellen speisen, deren eine meine Phantasie ist.

 

Erinnerung des Tages:
Ich las heute meinen Blog-Adventskalender von 2020, und da waren einige Texte dabei, an die ich mich nicht mehr aktiv erinnern konnte.

 

Mit einem Danke fürs Lesen schleiche ich mich davon.

Der Emil

 

P.S.: Zufrieden war ich am 27. März 2024 mit dem Mut zur Absage (begründet), mit meinen eigenen Texten von 2020, mit Leberwurstbrot und gekochten Eiern zum Abend.

P.P.S.: Ist die Erklärung zum Nichterleben in diesem Extraabsatz so in Ordnung? (Es gab ja immer mal wieder Schwierigkeiten damit.)

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Über Der Emil

Not normal. Interested in nearly everything. Wearing black. Listening. Looking. Reading. Writing. Clochard / life artist / Lebenskünstler.
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12 Antworten zu 087–2024: Zugesehen

  1. Wolfgang sagt:

    Klar ist das in Ordnung, es kommt nur alles so klar daher, dass es jedesmal wieder überraschend ist.

  2. gerda sagt:

    Mir gefallen ja deine Geschichten fast immer, aber diese ganz besonders. Danke.

  3. Sonja sagt:

    Schöne Geschichte, lieber Emil!

  4. Sofasophia sagt:

    Du könntest diese Nicht-Erlebt-Geschichten einfach als das bezeichnen, was sie sind: Kurzgeschichten und/oder literarische Miniaturen.
    Das ist nämlich eine Stärke von dir. Statt von langen, sich fortsetzenden Geschichten zu träumen, besser das feiern und dich darüber freuen, was du kannst.
    Un der wiederkehrende Nachsatz, dass du das so nicht erlebt hast, redet, finde ich, die Geschichten nur klein. Das haben sie nicht verdient.
    (Das aber nur so ein paar subjektive Gedanken meinerseits.)

    • Der Emil sagt:

      Mach ich doch: Geschriebenes & Miniatur als Kategorien und Nichterlebt als Tag waren und sind immer dabei – und wurden immer und immer wieder übersehen.

      (Das hat mich immer so … unsicher (?) gemacht, dieses Übersehen. Aber warum eigentlich? Der Absatz wird wohl nicht wieder auftauchen.)

  5. Sofasophia sagt:

    Stimmt, das steht ja in den Kategorien, sorry. (Die sehe ich im Reader leider nicht. 🫣)

  6. Schade, dass das niemand so erlebt hat. Wäre richtig angenehm menschlich!

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