2023/141 – Entschwunden


Sonntagsnamen, eine Delikatesse und ein großer Bogen, um von einem zum anderen zu kommen.

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Heute ist bzw. war Exaudi – so wird dieser Sonntag im Kirchenjahr genannt. Ich glaube, selbst bei den inbrünnstigeren Christenmenschen sind die Namen der Sonntage und deren Bedeutung nicht mehr allgemein geläufig. Sie werden ja m. W. n. auch nirgends mehr benutzt außer in den Kirchenkalendern. Exaudi – Erhöre jedenfalls steht am letzten Sonntag vor dem Pfingstfest im Mittel­punkt der Liturgie (d. i. die Gesamtheit der religiösen Riten und Zeremonien im christlichen und jüdischen Gottesdienst und deren Ordnung) …

So, wie dieses Wissen mit der Zeit unwesentlich, unwichtig, gar überflüssig wurde, so verschwand auch vieles Andere im Dunst des Vergessens. Das fiel mir heute auf, als die bei mir für den Kaffee wichtige Milch (im Tetrapack) ver­dor­ben war. Erinnert ihr euch noch daran, daß, ehe die heute übliche H-Milch normal wurde, die „verdorbene” saure Milch nicht einfach entsorgt wurde, nicht entsorgt werden mußte? Ganz im Gegenteil! Zuhause wurde die in eine Schüs­sel gegeben und durfte noch einen oder zwei Tage reifen, bis sie zu einer fast stichfesten Masse geworden war. Saure Milch oder Dickmilch war – direkt aus dem Kühlschrank kommend – mit Zucker bestreut eine erfrischende Delika­tesse. Wer von euch kennt das auch noch? An die saure Milch mußte ich heute denken, als ich die verdorbene H-Milch wegschüttete. Bilde ich mir das ein oder waren die Genüsse meiner Kindheit wirklich einfacher als die der heutigen Kindheiten? Geriebene Möhren mit etwas Zitrone, Buttermilch mir Sirup oder etwas Zucker im Sommer zur Abkühlung oder gar Essigwasser … Ob es noch Milch zu kaufen gibt in den Läden, die ich sauer werden lassen und dann essen kann?

Und unser Spielzeug: Ein Stock, eine Krampe, ein Nagel, eine Holzwäsche­klammer und ein Einweckgummi wurden zum Kirschkern- oder Erbsengewehr. Nein, Steine wurden damit nicht verschossen! Ganz ohne Batterien und USB-Anschluß und ohne Internet funktionierten solche Dinge sowohl auf dem Land als auch in den Städten. Wenn man nach einem Nachmittag draußen dann nach Hause kam, dann war die Saure Milch doppelt so lecker als sonst.

Habt auch ihr Dinge, Leckereien z. B. oder „Delikatessen”, die zur Kinder- und Jugendzeit gehörten und im Laufe der Zeit entschwunden sind?

 

Ich schleiche mich davon und sage Danke fürs Lesen.

Der Emil

 

P.S.: Am 21. Mai 2023 war ich zufrieden mit dem doch sehr sommerlichen Wetter (fast schon zu warm), mit den Dank Mutters Hilfe notierten Erinnerungen, mit dem Besuch beim Vater (hatte ich vergessen einzufügen).

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Über Der Emil

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8 Kommentare zu 2023/141 – Entschwunden

  1. Lin sagt:

    Bei uns gab es auch selbst gemachte Dickmilch mit einem Löffel Marmelade (Xälz – ich bin Schwäbin). Dafür wurde sie extra in kleinen Bechern angesetzt, denn wir mochten besonders gern die dicke Sahneschicht. Das war unser „Fruchtjoghurt“. Sonst erinnere ich mich gern an eingeweichtes Dörrobst zu den Fasnetsküchle, das war vermutlich eine Spezialität meiner Mutter und nicht allgemein verbreitet.
    Ich weiß ehrlich gesagt nicht, ob man irgendwo noch Rohmilch kaufen kann, die richtig gut sauer wird, denn das ist ja soo gefährlich 🙈

  2. Gudrun sagt:

    In der Reiffeisenstraße in Leipzig, zwischen Grünau und der B186 gibt es den Hofladen und Milchautomaten der Agrargenossenschaft Kitzen. Dort wird Frischmilch direkt von der Melkanlage herunter gekühlt in der Milchtankstelle angeboten. Sie ist wirklich unbehandelt. Alles, was an andere Standorte transportiert wird, ist zumindest kurz erhitzt, homogenisiert worden. Es darf als Frischmilch bezeichnet werden, ist aber nicht mehr unbehandelt.
    Die Milch „aus dem Kuhstall“ hatte ich geholt, um Käse herzustellen oder zu buttern. Ausprobieren musste ich das mal. Ansonsten ist mir diese Milch zu schade zum Sauerwerden, denn sie schmeckt hervorragend.
    Den gläsernen Kuhstall dort kann man besichtigen. Die Agrargenossenschaft vermarktet ihre Produkte selbst, stellt Käse her und presst Rapsöl. Ich finde das gut.

    • Der Emil sagt:

      Solche „Frischmilch“ gibt es ja durchaus bei Discountern, aber sauer wird die auch nicht mehr richtig. Naja, irgendwo werd ich auch in der kleinen Großstadt noch Rohmilch (was für ein selten dämlicher Begriff m. M. n.) finden — wenn ich irgendwann einmal die Zeit finde, danach zu suchen.

      (Früher, in der Wendezeit und kurz danach, bin ich hier auf dem Dorf mit der Kanne zum Bauern gegangen und hab Milch geholt, sozusagen frisch vom Euter weg.)

      • Gudrun sagt:

        Die Frischmilch bei Discountern ist behandelt. Sieben Sekunden wird sie ultraerhitzt. Der kurze Zeitraum sorgt dafür, dass viele Bestandteile erhalten bleiben, aber sie kann halt nicht mehr natürlich säuern. Sie verdirbt. Nur, wenn die Milch sofort gekühlt wird nach dem Melke und nicht transportiert wird, darf sie gänzlich unbehandelt bleiben. (Das ist so in den Hygienevorschriften festgelegt.)

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