Tagebuch A: Ein herausgefallener Zettel.
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Als ich mich letztens wieder an meinen Schreibplatz setzte und die erste der mir von meinem Freund hinterlassenen Kladden zur Hand nehmen wollte, fiel jene mir in einer Art Schwächeanfall, in einem unkonzentrierten Moment aus der Hand und zu Boden. Dabei glitt aus dem sich auffächernden Notizbuch dieser undatierte Zettel heraus, der wohl zwischen den hinteren Seiten verborgen war.
Ein Tropfen bewegt sich – langsam, kaum merklich – über Glas. Nur einer. Mittelgroß und länglich rund. Ich weiß, daß sich in jedem Tropfen die ganze Welt in einem Tropfen spiegeln, widerspiegeln kann. Auf dem Kopf stehend. Warum nicht einfach nur seitenverkehrt? Physik, jaja. In dem Tropfen da am Glas allerdings sehe ich keine Welt. Meine ganze Aufmerksamkeit gilt im Moment dem hellbraunen Fleck auf meinem Handrücken. Ich wollte ihn vorhin abwaschen, aber das ging nicht. Seither … Seither denke ich über diesen Fleck nach: ein Leberfleck, Hautkrebs, ein erster Altersfleck? Das heißt wohl, daß ich nun alt werde oder schon alt bin. Der Tropfen auf dem Glas zittert und bewegt sich so ein winziges Stück weiter. Zittern. Das werde ich wohl auch bald – wenn das wirlich ein Altersfleck ist. Dann aber zittere ich nicht mehr wie vor Monaten wegen fehlendem Schnaps (uh, das war keine schöne Zeit, aber ich habe es endlich geschafft, mich von dieser schlechten Angewohnheit zu lösen). Vielleicht werde ich von diesem Zittern auch verschont, schließlich kann ich mich nicht daran erinnern, daß jemand von meinen Großeltern jemals an Alterszittern gelitten hätte. Doch wie zuverlässig sind des Menschen Erinnerungen?
Vielleicht bewegt sich der Tropfen ja wegen einer winzigen, von mir nicht spürbaren Luftbewegung?
Ein zitternder Tropfen hängt am Glas. Einer. Nur einer. Ich beobachte ihn jetzt aufmerksam und lasse den Fleck auf meiner Hand Fleck sein, der jetzt zu meinem Leben dazugehört. Und bin ich, ist mein Leben nicht vielleicht auch nur ein Tropfen, einer, der irgendwann in einem noch unbekannten Ozean aufgeht? Ich denke, das kann eine sehr tröstliche Vorstellung sein für mich.
Mit diesem Text wird das geerbte Tagebuch fortgesetzt. Alle Teile der Erbkladden-Serie sind in diesem Link in umgekehrter zeitlicher Reihenfolge (neueste zuerst) zu finden. Über eines der Notizbücher erzählte ich ja schon vor langer Zeit, im November 2012. Ich tippe die kleinen blauen lateinischen Buchstaben ab, immer mal wieder. Erst jetzt nämlich darf ich abschreiben aus den „von einem Freund geerbten” Kladden mit dieser winzigen Schrift. Zm ersten Mal „fand” ich dabei ein loses Blatt.
Ich schleiche mich davon und sage Danke fürs Lesen.
P.S.: Am 13. Februar 2023 war ich zufrieden mit den beschriebenen Seiten (was werd' ich wohl irgendwann anfangen mit all diesen Texten …), mit den in ein Öffentliches Bücherregal gestellten sechs Büchern, mit der Entdeckung der bisher übersehenen Kundentoilette.
© 2023 – Der Emil. Text unter der Creative Commons 4.0 Unported Lizenz
(Namensnennung, keine kommerzielle Verwertung, keine Veränderung).


@deremil Seeehr schön geschrieben 🙂
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