Nº 221 (2022) – Einblicke

Fremdes Denken und fremdes Leben erlesen.

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Was ich lese, wird üblicherweise vom Zufall bestimmt: Seit zwei Jahren lese ich fast ausschließlich, was ich in verschiedenen öffentlichen Bücherschränken (little free libraries) finde. Mittlerweile muß ich mich da allerdings beschränken und darauf achten, daß ich immer mehr Bücher hineinstelle als ich wieder mit­nehme – denn eigentlich habe ich mehr als genug ungelesene Bücher zuhause. Die reichen noch für ein paar Jahre Lesevergnügen.

Zur Zeit aber schränke ich mich thematisch etwas ein. Ich lese Tagebücher (auch fiktive) bzw. tagebuchähnliche Werke und Briefwechsel bzw. Bücher, in denen nur Briefe abgedruckt sind. Ich labe mich an Einblicken in ganz banales und hochinteressantes Leben und Kommunizieren. Meine Neugier auf das Leben anderer Menschen – ganz gleich, ob eher berühmt wie die Strittmatters oder weitgehend unbekannt – ist zur Zeit gigantisch, fast so groß wie eine andere, heiklere Neugier. Das ist so weitab von den früher bevorzugten wissenschaftlich-phantastischen, SciFi- und Fantasy-Werken, daß ich mich über die Ursachen befrage und mich über dieses Interesse wundere.

Was könnte es sein, das mich im Moment so sehr fasziniert an dem, was ich da lese? Liegt es daran, daß mein Leben mir zu uninteressant erscheint? Möchte ich Vorlagen finden für eigenes Denken und Handeln? Oder versuche ich, aus dieser Lektüre leicht umsetzbare Anregungen für meine eigene Schreibselei herauszulesen? Ich weiß es nicht, ich habe noch nicht einmal eine Ahnung! Es ist eben so, und ich suche in meinen HuSuB gezielt nach Tagebüchern und Briefwechseln. Selbst die Briefromane der Bettina von Arnim lese ich zum wiederholten Male (natürlich habe ich auch Bücher, die bei mir bleiben, die ich nie weggeben könnte). Ich spinkse in fremde Leben hinein. Und Briefwechsel bieten eben auch diese Möglichkeit, selbst wenn sie – wie bei Bettina von Arnim – künstlerisch bearbeitet wurden, denn es bleibt doch in den Briefen ein Teil der persönlichsten Gedanken erhalten.

Ach, und eine weitere Frage kommt da auf in mir: Wie schafft es jemand, ein fiktives Tagebuch so zu schreiben, daß es ohne Hinweis überhaupt nicht als fiktiv, als frei erfunden wahrgenommen wird?

Warum interessieren mich Biografien und Autobiografien nicht?

 

Ich schleiche mich davon und sage Danke fürs Lesen.

Der Emil

 

P.S.: Gut fand ich am 10.08.2022 einen anderen Schreibversuch, ein zum Weiterverschenken erhaltenes Gerät, den noch andauernden Besuch in einem Schrebergarten.
 
Für morgen zog ich die Tageskarte Ass der Kelche.

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Über Der Emil

Not normal. Interested in nearly everything. Wearing black. Listening. Looking. Reading. Writing. Clochard / life artist / Lebenskünstler.
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