Nº 182 (2022) – Verstummt

Eine andere, sonderbare Art von lebendiger Stille.

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Er ist nicht verstummt. Er weiß nur nichts mehr zu sagen, weil nichts mehr wichtig, aktuell, bedrohlich, beglückend genug ist. Plappern und plaudern mochte er noch nie, der gesellschaftlich erwartete Smalltalk war ihm stets zuwider. Jetzt geht er immer alle schweigend durch sein Leben, verkneift sich auch Grußfor­meln. „Bitte” und „Danke” hat er mit seiner Meinung nach gut verständlichen Gesten ersetzt. Einen Nachteil hat es aber, daß er selbst nicht mehr spricht: Die Menschen sprechen zumeist wesentlich lauter mit ihm als sonst üblich, schreien ihn oft an. Als ob ein Schweigender immer schwerhörig sein müßte. Zuhause, nur zuhause äußert er noch drei Laute. Am Morgen kommt ein „Kaffee” aus seiner sprachentwöhnten Kehle. Geht ihm etwas schief, erklingt ein dünner gewordenes „Scheiße”. Und abends, jeden Tag, wenn er sich zur Ruhe begibt, dann seufzt er laut, als würde eine Last von ihm abfallen. Und trotz seines Sprechstreiks kann er sich tagtäglich mit anderen Men­schen unterhalten, mit wenigen Menschen, die er sorgfältig ausgewählt hat. Diesen Vorteil hat es, daß das Internet und damit viele Nachrichtendienste immer und fast überall zur Verfügung stehen und darüber Textnachrichten ausgetauscht werden können.

Am heftigsten ist ihm nach dem Schweigebeginn aufgefallen, wie wenigen seiner Bekannten und „Freunde” das überhaupt aufgefallen ist. Die, die nicht wenigstens einmal mit einer Textnachricht nachfragten, sich sorgten oder wunderten ob seiner fehlenden Worte, die hat er sehr schnell gelöscht in den Nachrichtendiensten, deren Telefonnummern hat unkenntlich­ma­chend ausgestrichen oder entfernt, die hat er ziehen lassen – manche zwar schweren Herzens, aber Tränen hat er nieman­dem nachgeweint. Das Überraschendste für ihn war und ist, wie leicht ihm das Schweigen noch immer fällt. Wie wenig er sich nach gesprochenen Worten sehnt. Wie sehr das Verlangen nach Stille in ihm anwuchs seit er schweigt. Irgendwo las er einmal: „Wer nichts mehr zu sagen hat, ist tot.” Darüber kann er nur noch schmunzeln, denn erstens erzählen auch Tote sehr viele Geschichten, und zweitens fühlt er sich schweigend jetzt lebendiger als je zuvor.

 

 

Ich schleiche mich davon und sage Danke fürs Lesen.

Der Emil

 

P.S.: Gut fand ich am 01.07.2022 alles fürs Wochenende gepackt zu haben, den Regen, die angenehmeren Temperaturen.
 
Für morgen zog ich die Tageskarte VII – Der Wagen.

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Über Der Emil

Not normal. Interested in nearly everything. Wearing black. Listening. Looking. Reading. Writing. Clochard / life artist / Lebenskünstler.
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