Nº 154 (2022) – Sandgrube

Ein Beinahe-Unglück im Hühnerhof.

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Wenn das Wetter gut genug war, verschwanden die Kinder buchstäblich von der Erdoberfläche. Denn im Hof, genauer im Hühnerhof des alten Bauerngutes gab es eine Sandgrube. Die war ein etwa zehn Meter großes rundes Loch, am tiefsten Punkt anderthalb Meter tief. Alle Wände und der Boden waren feinster Spielsand, ein kleines Paradies. Von der nahen Pumpe konnte man sich schnell ein Eimerchen Wasser holen und dann herrliche Kleckerburgen bauen. Jedes Kind für sich oder auch alle gemeinsam. Die Sandgrube war groß genug für die vier Kinder, die im Sommer oft bei den Großeltern waren.

Nur ein einziges Mal gab es richtigen „Ärger” während des Spielen in der Sand­grube. Das war nicht an dem Tag, an dem zwei der Kinder die Leiter aus der Grube zogen und die beiden anderen Kinder nicht mehr ohne Hilfe heraus­ka­men. Da führte das Geschrein aus dem Loch zu schneller Hilfe durch den Großvater, der die Leiter wieder hinabließ. Nein, es war ein Tag, an dem die vier Kinder verdächtig leise waren beim Spielen. Es war der Tag, an dem sie zu viert eine Höhle in die Sandwand der Grube gruben. Eine richtig große Höhle sollte es werden, in der sie sich alle vier verstecken konnten. Und es ging auch lange Zeit alles gut bei der Buddelei – bis eines der Kinder aufs Klo mußte. Das kletterte die Leiter hinauf und lief dann schnurstracks in Richtung Klo. Kam aber nur zehn oder zwölf Schritte weit. Denn der kürzeste Weg führte über die gegrabene Höhle hinweg, und deren Decke war nur zwei Handbreit unter dem spärlichen Gras im Hühnerhof. Das Kind brach ein. Es steckte bis zur Hüfte fest im Sand, der trichterförmig in die gewesene Höchle nachrutschte. Welch ein Schreck! Und welch ein Glück, daß alle Kinder zum Zeitpunkt des Unglücks wirklich zufällig außerhalb der Höhle waren! Welch ein Geschrei! Beide Groß­eltern eilten auf den Hühnerhof. Die Großmutter schlug die Hände über dem Kopf zusammen. Der Großvater konnte das im Sand feststeckende Kind einfach so herausziehen. Also war die Situation aus heutiger Sicht nicht wirklich gefährlich. Aber was hätte alles geschehen können, wenn auch nur eines der Kinder verschüttet worden wäre!

Es gab nach dem Einbruch kein Geschimpfe, keine Schläge, nur Erklärungen und Ermahnungen. Und Sirup aus den schwarzen Johannisbeeren gab es und Kekse. Aber sowohl den Großeltern als auch den per Telefon benachrichtigten Eltern und natürlich den vier Kindern war der Schreck gehörig in die Knochen gefahren. Am nächsten Tag nahm sich Opa die Zeit und spielte mit in der Sandgrube. Aus dem Einsturzkrater wurde eine einfache Vergößerung der Sandgrube, alles lose Material wurde von den vier Kindern hinausgeschaufelt. Und nachdem der Großvater mit Hilfe der vier Kinder eine uralte, breite Stalltür vom Brennholzhaufen geholt und die dann über den neuen Teil der Sandgrube gelegt hatte, war auch eine Höhle da, in der relativ ungefährdet gespielt werden konnte. Und noch etwas „schenkte” der Großvater den Kindern: Eine alte Unkrautspritze, die seit Jahren nur noch zum Wässern der Bauerngartens benutzt worden war. Er zeigte den Enkeln sogar, wie feucht die Wände gehalten werden sollten, damit sie nicht so schnell einstürzen würden.

Meine beiden Cousinen, mein Bruder und ich gruben nie wieder eine echte Höhle in den Sand. Nur manchmal deckten wir den Überrest unseres Versuches mit Folie ab. Mit schwarzer Folie, unter der es uns immer viel zu schnell viel zu warm wurde.

 

Ich schleiche mich davon und sage Danke fürs Lesen.

Der Emil

 

P.S.: Gut fand ich am 03.06.2022 die ruhige Fahrt zur Burg Regenstein, den erledigten Aufbau, die Gespräche am Abend.
 
Für morgen zog ich die Tageskarte Ass der Schwerter.

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Über Der Emil

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6 Antworten zu Nº 154 (2022) – Sandgrube

  1. Sofasophia sagt:

    Was für eine schöne Geschichte. (Erlebt oder erfunden?)

  2. Nati sagt:

    Ist die Burg in Blankenburg?

  3. Elvira Volckmann sagt:

    Wir haben einen Patienten, der ausgesprochen schwierig ist (oder war, ich bin ja seit 2,5Jahren raus und weiß nicht, ob er noch Patient ist). Der Mann war immer unleidlich, nicht wirklich böse oder beleidigend, aber unfreundlich, fordernd. Irgendwann öffnete ich in der EDV den Anamnesekasten. Was dort stand, habe ich in rot in seine Akte geschrieben, datiert auf ein Darum weit in der Zukunft, so dass der Eintrag immer zu sehen ist, wenn die Datei geöffnet wird. Seine zwei Kinder sind bei genau so einem Spiel ums Leben gekommen. Hier in Rudow, auf einer nicht eingezäunten Baustelle. Das liegt schon sehr viele Jahre zurück, den Vater hat es gebrochen. Jedenfalls habe ich seine Unfreundlichkeit so interpretiert, vielleicht war es aber auch seine Natur. Gott sei Dank hattet ihr einen Schutzengel und sehr verständnisvolle und kluge Großeltern.
    Liebe Grüße und ein schönes langes Wochenende,
    Elvira

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