Nº 026 (2022) – Papier ist geduldig

Ich bin es in diesem Moment nicht. Und komme zur Generalfrage.

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Schon das dritte Blatt zerknülle ich. Mittlerweile genervt. Nein, Durchstreichen und Weiterschreiben sind in handschriftlichen Briefen keine Option – wie es neudeutsch so „schön” heißt. Da wird die Seite immer und immer wieder von neuem geschrieben. (Und die gerade zerknüllte vorher wieder glattgestrichen, damit ich den bisher verfaßten Text abschreiben kann.) Natürlich, das würde nicht geschehen, wenn ich mit dem Computer schriebe und dann den Ausdruck per Post oder den Text per eMail versendete. Allerdings gibt es (für mich) noch immer Briefe, die mit der Hand geschrieben sein müssen. Weil sich das so gehört. Weil ich damit … Ach, was weiß ich denn, was ich damit ausdrücken will und was die Empfängerin damit verbindet. Für mich gehört sich das eben so.

Anekdote am Rande: Ich erfuhr ja, daß ein Brief an mich wegen unzureichen­den Portos (seit 1.1.2022 müssen es 85 ct sein) an den Absender zurückging und neu geschrieben wurde. Nun: Heute kam die Briefpostkarte zu mir zurück, mit der ich meinem Vater zum Geburtstag gratulieren wollte. Auch ich hatte die Preissteigerung übersehen.

Außerdem versuche ich, diesen Brief mit lateinischen Buchstaben, also der heute üblichen deutschen Schreibschrift zu verfassen. Das ist, als wenn ich früher Russisch, d. h. mit kyrillischen Buchstaben schreiben mußte: Wie gingen nochmal das kleine d und das kleine b in kyrillischer Schreibschrift? Meine mangelnde Übung führt dazu, daß ich immer wieder versucht bin, das Kurrent-h zu schreiben oder das Lang- bzw. Schluß-s. Ich muß höllisch aufpassen. Und ich frage mich, warum zwei verschiedene Handschriften schwieriger sind als zwei verschieden gebunden Schleifen für Schnürsenkel? (Oh, fragt nicht: Seit etwa zwei Jahren binde ich linken und rechten Schnürsenkel mit verschiedenen, gespiegelten Schleifen, wirklich. Manchmal finde selbst ich das absonderlich. Ich muß mal versuchen, das auf irgendeine Weise zu filmen.)

 

Und so kommen zu den Fragen, die ich wirklich gerne brieflich beantworten müchte, noch eine ganze Reihe weiterer Fragen hinzu. Wieso kann ich viele Dinge sehr einfach und fast automatisiert auf zwei verschiedene Weisen tun und andere nicht? Wieso stören mich kleine Makel (also Schreibfehler z. B.) hier nicht und da so extrem heftig? Warum muß das, was ich verfertige, hier perfekt und dort nur hinreichend gut sein?

Und dann die Generalfrage: Warum messen Menschen – und damit meine ich ganz besonders auch mich – in so viele Fällen mit zweierlei Maß?

 

Ich schleiche mich davon und sage Danke fürs Lesen.

Der Emil

 

P.S.: Gut fand ich am 26.01.2022 den begonnenen Brief, die für meine Begriffe sehr einfühlsamen Dialoge, Bockwurst mit Senf im Brötchen.
 
Für Morgen zog ich die Tageskarte XVIII – Der Mond..

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Über Der Emil

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