2021,264: Blätter

Was mir zum bevorstehenden Herbstanfang einfällt.

To get a Google translation use this link.

 

Morgen ist (um 21.21 Uhr) Herbstäquinoktikum: Die Sonne “überschreitet” zu diesem Zeitpunkt absteigend den Himmelsäquator. Herbstanfang, genauer der kalendarische Herbstanfang, denn der meteorologische war ja schon am 1. September. Um einmal nicht Wikipedia anzuführen, verweise ich Interessierte diesmal auf den Herbstanfang auf der Site von Time and Date AS in Stavanger (Norwegen). Herbst-Tag-und-Nacht-Gleiche. In bestimmten Kreisen seit etwa 1970 auch als “Mabon” bezeichnet, das aber immer am 21. September begangen wird.

Hier verkürzt sich schon seit vorgestern die Tageslänge um knapp vier Minuten, die Nacht wird täglich 3:54 Minuten länger bis zum 3. Oktober. Auch das ist (für jeden beliebigen Ort, alle beliebigen Koordinaten auf einer Karte anklickbar – leider wohl nicht barrierefrei), wie auch noch andere hochinteressante Sachen, auf der oben genannten Website abrufbar.

Es wird Herbst. Ich werde nichts herbstlich dekorieren. Vor allem werde ich mich auch wieder dem Allerheiligen-Abend-Spuk verweigern. Aber ich werde raschelndes Laub an meinen Füßen genießen. Das Bunt und das Braun. Die Nebel und die Herbstfeuchte. Ja, auch die Herbstfeuchte, obwohl ich noch am Sonnabend ob des Wetters grummelte. Hallimaschzeit. Die Natur bereitet sich jetzt auf meine liebste Zeit vor, auf den Winter.

 

 

Auf den Rinnsalen, den Bächen und Flüssen schwimmen Blätter den Meeren entgegen. Ob eines von ihnen jemals in Nord- oder Ostsee, im Atlantik, im Schwarzen oder Mittelmeer ankommen wird? Ob in den Blättern wohl überhaupt eine Sehnsucht nach dem Meer sein kann? Diese leise Abenteuer­lust derer, die sich vom Leben durch die Landschaften, nicht aber durch die Zeit treiben lassen. Warum nicht? Dieses eine Blatt, das von April bis Ende September täglich dem fließenden Wasser zusah, welches im Bächlein zu Füßen seines Baumes fröhlich dahinmurmelte. Dem Wasser, das immer nach den fernen Mün­dungen strebte, ja streben mußte und immer streben muß? Und das Blatt konnte nicht mitreisen zu den leise vorbeigeraunten, dahinrauschend verheißenen Zielen. Entsteht dabei keine Sehnsucht? Beginnt da nicht wenigstens ein, ein einziges Blatt eines Baumes den Traum einer großen Reise zur Mündung, zum Meer? Und dann, gerade in dem Moment, da das Blatt zu sterben beginnt, beginnt auch seine Fahrt auf den Wassern zu den ungeahnten Gestaden …

 

 

Ach, da war sie gerade wieder, und ich hatte sie nicht erwartet: Meine Fabulierlust. Meine kleine Phantasie. Ja, auch eine gewisse Herbsttraurigkeit schwimmt mit mit dem sehnsüchtigen, sterbenden Blatt. Das wäre etwas, das ich mir für mich wünsche: sanftes Sterben in der Gewißheit, jetzt auf dem Weg zu sein zu einem Ziel, an das ich mich bewußt oder nicht bewußt wünsch(t)e. Doch bis das geschieht, mag noch viel Zeit den Bach hinunterfließen. Und bis dahin mag ich noch viele solcher kleinen, romantischen, liebenswerten, bunten Phantasien aufschreiben. Und wehmütig mich durch die Herbste träumen.

 

Ich schleiche mich davon und sage Danke fürs Lesen.

Der Emil

 

P.S.: Am 21.09.2021 waren positiv sortierte “Dinge”, daß ich fieber- und schwitz- und schüttelfrostfrei blieb, eine von mir nicht bestellte Sendung von Am*z*n (vielen, vielen Dank dafür!).
 
Die Tageskarte für morgen ist die Fünf der Schwerter (bevorstehende Konfronation geht zu meinem Vorteil aus).

© 2021 – Der Emil. Text unter der Creative Commons 4.0 Unported Lizenz
CC by-nc-nd Website (Namensnennung, keine kommerzielle Verwertung, keine Veränderung). Für erwähnte Produkte und/oder von erwähnten Firmen erhalte ich keinerlei Gegenleistungen.

Über Der Emil

Not normal. Interested in near everything. Listening. Looking. Reading. Writing. Clochard / life artist / Lebenskünstler.
Dieser Beitrag wurde unter 2021, Erlebtes, Gedachtes, Geschriebenes, One Post a Day abgelegt und mit , , , , , verschlagwortet. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

6 Antworten zu 2021,264: Blätter

  1. Nati sagt:

    Ach wie schön du doch schreiben kannst.
    Ich bin begeistert.

  2. Sofasophia sagt:

    Witzigerweise habe ich diese Webseite schon neulich mal entdeckt, weil ich wissen wollte, welche Uhrzeit im Buch, das ich las war, als dort die Sonne unterging. 😜

    Sehr praktisch. Die Infos haben mir gerade endlich ein paar ewige Frage zur Tag-Nacht-Gleiche beantwortet.

    Schön, dass du dich nun auf den Winter einstimmen kannst.

  3. Gudrun sagt:

    Diesem Gruselspuk verweigere ich mich auch, aber auf die getrockneten Hagebutten und Schlehen, die auf meinem Tisch „herum liegen“ möchte ich nun doch nicht verzichten. Ich hätte dir sogar was abgegeben. Auf die bunten Blätter freue ich mich schon. Sie trösten mich darüber hinweg, dass es dann länger dunkel ist.
    Schön hast du ein Träumen beschrieben, wirklich schön.

    • Der Emil sagt:

      Ich bin leider nur für Weihnachtsdeko zu begeistern, alles andere — Ostern, Herbst, Erntedank usw. usf. — mag ich nicht. Aber ich gönne jeder und jedem die Freude daran (und versteh es ja auch).

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

Diese Website verwendet Akismet, um Spam zu reduzieren. Erfahre mehr darüber, wie deine Kommentardaten verarbeitet werden.