2021,194: Hitzephantasie

Sommerliches Wetter auf einem Balkon.

To get a Google translation use this link.

 

 

Der Holzboden auf dem Balkon ist so weit aufgeheizt, daß ich darauf nicht mehr barfuß gehen kann. So schön dieses kleine Stückchen Freiluftwohnen auch ist: Es fehlt der kühlende Schat­ten von Bäumen. Den kann auch die Markise nicht ersetzen. Und ob ich in dieser prallen Sonne, in dieser Hitze meine Pflanzen mit Wasser besprühen darf, das weiß ich auch immer wieder nicht. Denn die einen sagen so, die andern sagen anders, und am Ende mache ich es doch wieder nicht richtig. Jedenfalls habe ich gerade Wasser in die Balkonkästen gegossen. Ersaufen werden die Blümchen wohl nicht. Ich wundere mich nur, daß keine Insekten zu sehen sind an den Blüten: Ist es denen auch zu heiß? Im Schatten an der Hauswand zeigt mein altes Thermome­ter etwas über 38 °C. Im Schatten! Nachmitags kurz nach drei! Die Balkonstühle sind zu erhitzt, um sie zu nutzen. Ich hole mir einen Stuhl und einen Eiskaffee aus der Küche. Die Sprühflasche habe ich gerade mit frischen kalten Wasser gefüllt. Selbst meine dünne Leinenbluse ist viel zu warm. Würde ein feiner Windhauch wehen, würde der nasßgesprühte Stoff nicht nur Gänsehaut verursachen. Ah. Eiskaffee. Zu viele Kalorien mit der Schlagsah­nehaube, viel zu viele. Aber so angenehm kühl und samtig im Mund. Der Nachbar von schräg obendrüber starrt mir wieder auf die Brüste. Er denkt, ich kann ihn hinter seinem Scherengitter-Sichtschutz nicht sehen. Aber sein Schatten zeichnet sich deutlich ab. Es nervt. Aber zum Aufregen ist es zu heiß. Soll er doch starren, dieser … dieser Spanner.

Heiß. Der Eiskaffee ist leer. Der Nachbar starrt noch, ich kann die Blicke auf meinem Körper spüren. Es ist zu heiß. Ich gehe in die Küche, fülle mein Glas erneut. Ziehe die Bluse aus. Oben ohne gehe ich wieder hinaus, stelle den Eiskaffee ab. Dann stehe ich an der Balkonbrüstung, sehe hinauf zum Nachbarn und rufe: “Na, Herr Nachbar? Sehen Sie jetzt deutlich, was sie die ganze Zeit anstarren wollen?” Sein Schatten verschwindet. Ich setze mich in den Schatten, in dem es eigentlich auch viel zu heiß ist, und trinke meinen zweiten Eiskaffee. Bis ich damit fertig bin, ist das Wasser in der Sprühflasche lauwarm geworden. Ich ziehe mich wieder in meine Wohnung zurück. Die Ventilatoren sorgen dafür, daß das Wasser auf mir tatsächlich eine kühlende Wirkung entfaltet.

 

 

Nein, ich war nicht der Spanner.

 

Ich schleiche mich davon und sage Danke fürs Lesen.

Der Emil

 

P.S.: Am 13.07.2021 waren positiv ein Rasierapparat, die auf Anhieb gefundene Mutter, gebratene Maultaschen am Abend.
 
Die Tageskarte für morgen ist IX – Der Eremit.

© 2021 – Der Emil. Text unter der Creative Commons 4.0 Unported Lizenz
CC by-nc-nd Website (Namensnennung, keine kommerzielle Verwertung, keine Veränderung).

Über Der Emil

Not normal. Interested in near everything. Listening. Looking. Reading. Writing. Clochard / life artist / Lebenskünstler.
Dieser Beitrag wurde unter 2021, Geschriebenes, One Post a Day abgelegt und mit , , , , , verschlagwortet. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

Diese Website verwendet Akismet, um Spam zu reduzieren. Erfahre mehr darüber, wie deine Kommentardaten verarbeitet werden.