2021,157: Schlaflied

Abendszene neben einer Straße.

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Es ist dunkel. Ein paar Sterne nur sind am wolkenlosen Himmel zu sehen. Nun ja, dunkel: So dunkel es eben in einer Stadt mit all den Straßenlaternen, Wohnungsfenstern, Leuchten über Haustüren usw. usf. sein kann. Ein paar Meter abseits der Straße, im renaturierten Bereich, aber selbst dort stehen Straßenlaternen, die die Fußwege beleuchten, ein paar Meter abseits der Straße also sitzt ein Mann auf einer Bank. Tut nichts außer dazusitzen, da zu sitzen. Und zu atmen. Angelehnt, den Kopf im Nacken, die geschlossenen Augen in den Nachthimmel gerichtet. So kann er die Milchstraße sehen, die zum Nachthimmel gehört, und alle Sterne vom Kleinen Wagen. Das Sommerdreieck aus Wega, Altair und Deneb. All die Sterne, die von den vielen und auch vielen überflüssigen Lichtquellen in der Stadt überstrahlt werden und nur bei einem großen Stromausfall noch zu sehen sind.

Wer in der Nähe des Mannes stehenbleibt, kann ihn summen hören. Ein Kinderlied, das die Großmutter mit ihm sang zum Einschlafen, vor vielen, vielen Jahren. Als Kind verstand er das Lied nicht, weil es in seinem Leben keine wirkliche Vorstellung von Gott gab. Selbst jetzt, auf der Bank nur wenige Meter abseits der Straße, ist seine Vorstellung von Gott nichts, was in den Kirchen gelehrt wird. Aber er glaubt an etwas Allumfassendes, Daseiendes. So, wie er an die nicht mehr sichtbaren Sterne glaubt. Der Text des Liedes ist ihm, der da auf der Bank sitzt, mittlerweile unwichtig. Aber die Anfangsfrage dieses Liedes, die beschäftigt ihn noch immer.

 

 

 

Ihr dürft ruhig mitsummen, ich tu es auch auch. Leise, um den Mann nicht zu stören.

 

Ich schleiche mich davon und sage Danke fürs Lesen.

Der Emil

 

P.S.: Am 06.06.2021 war positiv ein Joghurt-Eis, ein ausgelesenes Buch, es war ein Tag ohne Selbstvorwürfe.
 
Die Tageskarte für morgen ist I – Der Magier.

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Über Der Emil

Not normal. Interested in nearly everything. Wearing black. Listening. Looking. Reading. Writing. Clochard / life artist / Lebenskünstler.
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15 Antworten zu 2021,157: Schlaflied

  1. Stefan Kraus sagt:

    ❤️

    Emil, das ist so schön…

  2. Stefan Kraus sagt:

    Schließ die Augen, Emil… ✨

  3. Nati sagt:

    Danke Emil. 🙂

  4. Sofasophia sagt:

    So viele, und die meisten nur noch ein Nachhall, verloschen längst.
    (An der Gans ihrer großen Zahl.)
    ☺️

  5. Helmut sagt:

    Die unsichtbaren Sterne – an manchen Stellen Aichwalds (grade noch ein wenig abgelegen) kann man einige von ihnen wiedersehen, da vor kurzem energiesparende Lampen eingeführt wurden. Wenn von Gott die Rede ist, kann ich mir höchstens noch so eine Vorstellung davon machen wie der alte Mann (obwohl ich von der alten Grußformel „Grüß Gott“ – so im Schwäbischen – kaum loskomme).

    Liebe Grüße
    Helmut

    • Der Emil sagt:

      Ich stamme aus einer „Glück-Auf“-Gegend 😉 und habe zum Teil Wurzeln im „Moin“-Gebiet.

      Und ich frage mich gerade, wann ich zuletzt die Milchstraße deutlich gesehen habe …

  6. Bess sagt:

    Eine schöne Kurzprosa oder Nachtminiatur!

  7. Gudrun sagt:

    Deine Geschichte ist schön, die Lichtverschmutzung nicht. (Das nennt man doch so? Jan und ich wollten mal ins tiefste Brandenburg fahren, um die vieln Sterne zu sehen.)
    Schreib weiter deine Geschichten, bitte.

  8. piri sagt:

    Alle Sterne können wir sowieso nie sehen und mir reichen manchmal die, die ich im Herzen trage!

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