#Adventskalender 2019: Das 3. Türchen Stollnorakel

Und immer erst nach dem Letzten Sonntag im Kirchenjahr.

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Meinen Adventskalender hier widme ich allen, die kämpfen, allen, die krank sind, allen, die Unterstützung benötigen.
 
Ich wünsche all diesen Menschen und mir eine im wahrsten Sinne des Wortes wundervolle Weihnachtszeit. Meine Kerzen brennen für alle, die Hoffnung brauchen.
 

 

 

Ich weiß es noch, in Kindertagen
da zog ich los mit einem Wagen
(den Schlitten nahm ich nur bei Schee)
zur Bäckerei (ohne Café).
Dort durfte ich die Stollen holen.
Den Heimweg ging ich wie auf Kohlen!
Denn: Nicht ein Stollen durfte brechen.
Das würde sich nach Neujahr rächen:
Ein Unglück käm' ins Haus gezogen,
und schlimmstenfalls, echt ungelogen,
würd' irgendjemand gar versterben
ohn' das Geringste zu vererben!

Ach, ihr könnt euch sicher denken
wie vorsichtig ich war beim Lenken,
wie ich so schlich durchs Dorf im Winter!
Und oftmals kamen andere Kinder,
die mir den schwerbeladnen Wagen
wegnehmen wollten, sozusagen
die Stollen klauen. Diese miesen
Nachbarsgören, die mich ließen
viel mehr ins Schwitzen kommen so.
Doch jedesmal gelangt' ich froh
und unbeschad't ins Elternhaus
mit ungebrochnem Stollenschmaus.

Ach, das warn Zeiten! Denk ich dran,
dann fange ich zu schnüffeln an:
Dann riecht es wieder frisch gebacken.
Dann spür die Angst ich auch im Nacken
vor dem, was einstmals das Orakel
von einem Stollenbruchdebakel
geweissagt hätt' fürs nächste Jahr.
Ja, stets entging ich der Gefahr,
wenn ich mit Schlitten oder Wagen
soooo viel Verantwortung getragen.
Nie ging ein Stollen mir zu Bruch!
Und so entgingen diesem Fluch
Oma und Opa, Mutter, Vater,
mein Bruder, ich und unser Kater.

 
 

 

Früher brachten die Dorfleut ihre Stollenzutaten (bis aufs Mehl, das hatte der Bäcker) direkt in die Backstube. Unter zwanzig Pfund (Mehl) buk nur selten jemand, das gab fünf oder sechs Zweipfünder (zum verschenken/verschicken) und acht bis zwölf Dreipfünder zum Selberessen. In der Backstube wurde im Beisein der Leute ein Teig geknetet, jeder fertige Laib wurde mit einem Kuchenzeichen versehen. Auch das war etwas, das die Dorfleute oft schon von Generation zu Generation weitergegeben hatten. Jede Familie hatte ihr eigenes unverwechselbares; unseres war ein Aludreieck mit einem Rhombus am Ende, in den aus kleinen Punkten zusammengesetzt “K.M.” geschlagen war. Die Leute gingen heim, wenn der Stollen im Ofen war, und etwa vier Stunden später konnten die gebacknen, aber noch nackten (ungestrichnen, ohne Butter und Zucker und Staubzucker) Christstollen heimgeholt werden. Dabei wurden sie in Stollentücher (hm, ich glaub, das waren die Mangeltücher) eingeschlagen. Für ein Kind war es eine große Ehre und eine große Verantwortung, wenn das schon alleine erledigt werden durfte. Mir ist wirklich nie ein Stollen gebrochen. Und: Keiner der Bäcker hat auch nur einen einzigen Stollen je vor dem Totensonntag gebacken, aber am Montag danach – und montags waren sonst alle Bäckereien immer geschlossen! – wurde außer der Reihe ausnahmsweise der Backofen nur für die Stollenbäckerei angeheizt, die von fünf in der Früh bis nachmittags um vier ging. Ach. Das waren Zeiten …

 

Ich schleiche mich davon und sage Danke fürs Lesen.

Der Emil

 

 
Wer eine Gelegenheit sucht, zur Weihnachtszeit anderen zu helfen, der kann das täglich ab 21 Uhr des Vorabends bei der Versteigerung von #hand2hand tun. Die Aktion ist eine gute Idee von Meg, ihr und allen Mitwirkenden danke ich dafür.

 

P.S.: Am 03.12.2019 waren positiv viel Reimerei, leckere Suppe, begonnene Weihnachtspost.
 
Die Tageskarte für heute ist die Königin der Kelche.

© 2019 – Der Emil. Text unter der Creative Commons 4.0 Unported Lizenz
CC by-nc-nd Website (Namensnennung, keine kommerzielle Verwertung, keine Veränderung).

Über Der Emil

Not normal. Interested in nearly everything. Wearing black. Listening. Looking. Reading. Writing. Clochard / life artist / Lebenskünstler.
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4 Antworten zu #Adventskalender 2019: Das 3. Türchen Stollnorakel

  1. Elvira sagt:

    So etwas kenne ich leider nicht. Aber den Geruch bei meinen Großeltern, wenn meine Oma den Stollen buk, werde ich auch niemals vergessen.

  2. sabeth47 sagt:

    Ich kenne das auch meiner Kindheit auch noch. Ich glaube, Stollen dieser Größe passten in einen heutigen Haushaltsbackofen nicht mehr rein.
    Zum Bäcker gebracht wurden auch die „Backhauskartoffeln“, ein Gericht, das lt. meiner Großmutter aus Apolda stammen soll. Kartoffeln, Brühe, Schweinenacken obenauf und in die Ecken große harte Birnen. An Kümmel als Gewürz erinnere ich mich auch. Eins meiner Lieblingsgerichte!

    Danke, dass du diese Erinnerung wieder reingetragen hast!

    • Der Emil sagt:

      Ich hab grad nachgemessen (mit einem Stollenkarton). Ein Dreipfünder paßt in meinen Herd. Einer braucht etwa 50 min. Das Backen dauerte einfach zu lange.

      Von den Backhauskartoffeln hab ich noch nie gehört, aber sie klingen verdammt interessant (bis auf den Kümmel).

      • sabeth47 sagt:

        Ich backe inzwischen auf einem Blech zwei Stollen aus 1 kg Mehl, Milch, Hefe und mindestens soviele Mandeln, Rosinen, Korinthen, Zitronat, Orangeat und Gewürze dazu.

        Meine Großmutter war Geschäftsfrau und die Backhauskartoffeln brauchten, glaube ich, sehr lange. Die Kartoffeln waren am Ende gebräunt. Ihr Laden ist in Weimar gewesen.
        Der Kümmel sollte der besseren Verarbeitung/Verdauung dienen. Den kann man sicher auch weglassen.

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