Nº 103 (2019): Elterntaxi

Verkehrsprobleme.

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Nein, ein sogenanntes “Elterntaxi” gab es nicht. Nicht zu den Zeiten, in denen ich Kind oder Jugendliche war. Gut, es gab mehr Busse und Bahnen, die regelmäßig verkehrten; auch auf den Dürfern waren sonnabends und sonntags gute Verbindungen mit dem öffentlichen Personennahverkehr (der damal noch nicht so kompliziert, sondern nur “Bus und Bahn” hieß) verfügbar, vom frühen Morgen bis in die späten Abendstunden. Hier fahren an den Wochenendtagen und an Feiertagen jetzt gerade noch vier Busse: halb neun, dreiviertel eins, viertel vier und um sechs. Und die fahren nicht direkt in die nächste Stadt, was etwa 20 Minuten dauern würde, sondern erst noch mit der Kirche ums Dorf und brauchen etwa 50 Minuten. In der Zeit kann eine auch in die Stadt gehen, zu Fuß. Aber an einer Straße entlang, an der der Bürgersteig vor Jahren der “Ertüchtigung der Straße” (so stand es in der Zeitung, wirklich) zum Opfer fiel. Denn mehr Autos brauchen mehr Platz. Und weil mehr Autos fahren, werden ja weniger Busse benötigt. Oder wurden irgendwann mehr Autos notwendig, weil immer weniger Busse fuhren und die Preise beinahe explodierten? Ach, wer weiß das schon. Ich jedenfalls bin auf den Bus angewiesen. Zu Fuß schaff ich es nicht mehr in die Stadt. Und wenn kein Bus fährt, dann eben auch nicht. Nein, weder die Kinder noch die Enkel sind immer da, ich kann mich nicht auf sie und ihre Autos verlassen. Die können nicht immer Elterntaxi sein …

Zum Glück gibt es noch einen Laden im Ort, der fast alles hat, was ich so brauche. Klar, da ist es teurer als bei Aldi und Norma. Aber einmal in die Stadt fahren kostet ja auch über fünf Euro, das sind mehr als Zehn Mark, wo es früher zweimal 50 Pfennige kostete. Und so viel Zeug kann ich nicht im Bus mitnehmen, daß sich das rentieren würde. Die Enkel­tochter hat sich sowieso beschwert, daß sie viel zu oft als Elterntaxi unterwegs sei. Ich wunderte mich noch, weil ich sie doch höchstens alle zwei oder drei Wochen mal frage, aber da erzählte sie schon vom Sportverein und der Musikschule und natürlich von der Schule, zu der sie ihre Tochter immer wieder fahren müßte. Dabei gibt es in der Stadt Straßenbahnen und Busse, die wirklich oft genug fahren? Aber die zweihundert Meter zwischen Tramhaltestelle und Schule sind zu gefährlich für die Sechstklässlerin, da könnte ja etwas passieren. Huch? Was denn? Wie sonderbar. Unsereins ist damals zu Fuß gegangen oder mit dem Fahrrad gefahren.

Elterntaxi. Ich dachte immer, so nennen es die Leute, wenn sie ihre betagten Eltern oder gar Großeltern von hier nach da kutschieren. Es scheint aber eher benutzt zu werden, wenn die Eltern ihre Kinder – immer schön eines in jedem Auto – irgendwo hinbringen oder von irgendwo abholen. Das nannten wir früher Kindertransport. Nicht nur die Fahrpläne ändern sich, auch die Begriffe werden immer wunderlicher, verschrobener. Und der Verkehr sowieso.

 

 

Ich schleiche mich davon und sage Danke für’s Lesen.

Der Emil

P.S.: Am 13.04.2019 waren positiv lange im Bett bleiben, viel miteinander reden, eine Überraschung.
 
Die Tageskarte für morgen ist die Sieben der Stäbe.

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Über Der Emil

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8 Antworten zu Nº 103 (2019): Elterntaxi

  1. Nati sagt:

    Zu meiner Zeit war es auch noch normal zu Fuss überall hinzu kommen.
    Ich lief täglich 30 Minuten zur Grundschule hin und wieder zurück. Und zwar allein, bei Wind und Wetter.

    • Corinna sagt:

      Das mache ich auch heute noch und werde als Erwachsenen komisch angeschaut, wenn ich das erzähle. Dabei spart es sogar Zeit, denn in der Großstadt sind Busse im Berufsverkehr oft langsamer als ich zu Fuß.

      • Nati sagt:

        Ich laufe auch immer noch viel. Durch mein Stadtnahes Wohnen benötige ich selten unser Auto.
        Manchmal muss ich auch einfach raus und laufen sonst würde ich mich unwohl fühlen. Dabei ist das Wetter völlig egal. Einfach raus an die Luft.

  2. Ich war dann auch Buskind. Für die eigentlich in einer halben Stunden mit dem Bus zu bewältigende Strecke haben wir manchmal mit dem Abklappern aller umliegenden Dörfer auch mal gut eine bis anderthalb Stunden benötigt. Schrecklich. Aber mindestens genau so schrecklich wie die die Straße blockierenden Kolonnen an Eltern, die ihre Kinder nachmittags von der Schule abholen.

  3. Ulli sagt:

    Ich finde diese Elterntaxis in den meisten Fällen mehr als überflüssig, ja, ich bin ihnen oft überdrüssig, als könnten die Kinder dieser Zeit nicht mal 10 Minuten Zufuß gehen oder auch zwanzig, oder bergan, mit Schultasche. Manche Entwicklungen finde ich äusserst bedenklich.
    Liebe Grüße
    Ulli

  4. Gudrun sagt:

    Ich freue mich schon auf Ostern, wenn mein Sohn mich besucht. Wir können über so vieles reden.
    Er hat mir auch erzählt, wie angenehm das war, ohne Eltern, aber mit der Clique zu Schule zu gehen. Das schweißt zusammen. Schon auf dem Schulweg gab es viele Abenteuer zu erleben und manchmal mussten sie lernen, mit der Konsequenz ihres Handelns zu leben. Kleine Kaulquappen in der Pfütze sind interesaant, aber wenn der Unterricht darüber verbummelt wird, gab es Gemecker in der Schule. Da mussten sie dann durch.
    Umgekehrt habe ich allerdings auch kein Elterntaxi, obwohl ich manchmal eins gebrauchen könnte, nicht oft, aber manchmal eben schon. Dienstleister kann ich mir nicht leisten und manchmal tue ich mich verdammt schwer, fremde Hilfe anzunehmen. An dem Thema muss ich noch arbeiten. Auf alle Fälle bin ich froh, wieder in der Stadt zu wohnen. Dabei wäre ich gerne wo anders.
    Danke für deinen Beitrag. Er hat mich recht aufgescheucht.

  5. Corinna sagt:

    Elterntaxi ist in Süditalien gang und gäbe. Hier werden sogar die Straßen vor den Schulen abgesperrt, sodass Elterntaxis nicht bis direkt in die Klassenräume fahren können, um die Sprösslinge abzuliefern oder zu holen.

    Glücklicherweise liegt unsere Kindergarten-Grundschule fußläufig. Daher brauchen wir uns nicht mit den anderen Taxis zu drängen.

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