22. Türchen: Vierter Advent (Nº 356)

Neunerlei “Fresserei”

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Meinen Adventskalender hier widme ich allen, die kämpfen, allen, die krank sind. Und ganz besonders schreibe ich meinen Adventskalender in diesem Jahr für eine Bloggerin.
 
Ich wünsche mir und Dir, Chaoskatze, eine im wahrsten Sinne des Wortes wundervolle Weihnachtszeit. Alle meine Kerzen brennen für Dich und für alle Menschen, die Hoffnung brauchen.

 

In zwei Tagen schon ist der Heilige Abend, an dem das Festessen auf den Tisch kommt. Deshalb lade ich heute dazu ein, ein traditionelles erzgebirgisches Weihnachtsessen kennenzulernen.

Neunerlei (“Neinerlaa” – dieses doppelte a am Ende klingt wie ein von ä zu a geschliffener Ton kurz vorm reinen a) besteht aus neun verschiedenen Speisen, die alle gleichzeitig auf den Tisch kommen sollen. Nein, es sind nicht neun Gänge; das war bei den oft recht armen Bauern- oder Bergmannsfamilien auch nicht möglich – selbst wenn das ganze Jahr über gespart und geknausert wurde.

Es gibt allerdings eine winzige, vernachlässigbare Kleinigkeit zu beachten: Das Neunerlei gibt es nicht! Ja, richtig gelesen, denn es ist von Ort zu Ort, von Region zu Region, von Familie zu Familie immer etwas anders. Viele halten sich daran, daß “was das schwimmt, was das fliecht, was das läfft, was vun unner dr Aard, was vun Baam, was vun Buudn, was Haaßes, was Kaltes, was Sießes un was Saures” dabeisein soll. So jedenfalls habe ich es von Großmutter und Großtante gelernt. Doch das ist so weit gefaßt, daß es nur selten identische Rezepte fürs Neunerlei gibt.

“Saammlmillich” (Semmelmilch) ist oft dabei, d. i. in leicht gezuckerte lauwarme oder kalte (Butter-) Milch eingebrockte Semmel (Brötchen, Schrippe, Weißbrot) mit gehackten Nüssen. “Haarich un Äppln”, Heringssalat mit Äpfeln oder Apfelsalat mit Hering (je nachdem, wovon reichlicher vorhanden ist) gehört dazu, das steht auch für Reichtum, einfacher gesagt für immer genug Geld. Hirse- oder Griesbrei oder Linsen sollen für das im nächsten Jahr nötige Kleingeld sorgen.

Klöße, meist sogenannte “Griene Kließ” (Grüne Klöße aus überwiegend rohen Kartoffeln) sorgen für ausreichend großes Geld und sollten nicht zu klein geformt sein. Sauerkraut muß gegessen werden, damit einem des Leben nicht sauer wird; und dazu gibt’s “Brotwaarscht” (Bratwürste), die für Kraft und Herzlichkeit sorgen sollen.

Ein Stück Braten muß dabeisein, Gans oder Kaninchen, Ente oder Hase, Schaf oder Hauerkuh (Ziege); auch da kam und kommt es immer darauf an, was verfügbar ist. Genauso ist es mit allen vorher genannten Bestandteilen, die in der Not einfach gegen Ähnliches ausgetauscht wurden und werden. Daher rührt vielleicht die Vielfalt der originalen Neunerlei-Zutaten? Überall aber ist Brot eine der neun Speisen, das als wichtigstes Nahrungsmittel das ganze Jahr über nicht ausgehen darf.

Na, mitgezählt? Bis jetzt sind es acht Speisen, die mehr oder minder zuverlässig im Neunerlei zu finden sind. Mit der neunten ist es nicht so einfach. Einige zählen das Salz hinzu, einige den Christstollen, der auch als Weihnachts- oder Butterstollen bezeichnet wird. In der Gegend um Schwarzenerg und Zwönitz und Schneeberg sind Kompott und / oder Pilze dabei, während in Annaberg-Buchholz Sellerie mit seiner bekannten Bedeutung auf den Tisch kommt. Im Osterzgebirge gehören zum Beispiel getrocknete Pflaumen, Backpflaumen oder Bratäpfel dazu.

Da hätten wir es also beisammen, das Neunerlei. Dabei ist etwas, das schwimmt, etwas, das fliegt, etwas, das läuft, etwas von unter der Erde, etwas vom Baum, etwas vom Boden, etwas Heißes, etwas Kaltes, etwas Süßes, etwas Saures. Und wenn einmal eines der Dinge fehlt, so wird im Erzgebirge ganz schnell bedacht, daß auch der Apfel fliegen kann, wenn er vom Baum fällt; oder die Menschen erinnern sich daran, daß der Hase über den Acker fliegt, wenn der Jagdhund hinter ihm her ist.

Und wer selbst einmal sehen mag, wie es um das Neunerlei bestellt ist, der soll zur Weihnachtszeit ins Erzgebirge fahren. Oder hier, da, dort oder dort nachlesen, eine Suchmaschine ihrer Wahl benutzen und sich bei all der Vielfalt nur nicht verwirren lassen.

 

Eine friedvolle, besinnliche Zeit wünsche ich allen Leserinnen und Lesern.

Der Emil

Der Verfasser des Blogs schleicht davon und dankt für’s Lesen.

P.S.: Positiv am 21. Dezember 2013 waren das Ausschlafen, die erledigte Hausarbeit und der Glühwein am Abend.

© 2013 – Der Emil. Der Text steht unter der Creative Commons 3.0 Unported Lizenz
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Über Der Emil

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0 Antworten zu 22. Türchen: Vierter Advent (Nº 356)

  1. Toll geschrieben!
    Du gibst immer so interessante Einblicke in die Traditionen im Erzgebirge. Ich lese das sehr gern.
    Wünsche dir ein wunderschönes Fest! 😀

  2. nextkabinett sagt:

    Na sowas! *lach* Nächstes Jahr machen wir das wieder so … doppelt gemoppelt hält’s besser … Ich habe übrigens noch ein charmantes Video gefunden, im Neinerlaa in Annaberg-Buchholz kann man sogar von Neinerlaa-Tellern essen. Die sehen aus wie überdimensionale Fondueteller.

  3. Gabi sagt:

    Wieder was dazu gelernt.
    LG Gabi

  4. Einer unserer Mitarbeiter kommt aus Anaberg. Immer wenn es Linsen in der Schule gab, habe ich gefragt, ob er mitessen wolle, aber ich bekam immer zur Antwort: Linsen gehört zum Neunerlei und gibts bei mir nur an Weihnachten.

  5. Brigitte sagt:

    „Mir hom aah Neinerlaah gekocht, a Wurscht un Sauerkraut.
    Mei Mutter hot sich ohgeploocht, die alte gute Haut.“

    Wieder mal eine Gemeinsamkeit unserer beiden Adventskalender. bei mir allerdngs erst am 24.
    Dier Herungshäckerle sind schon fertig.
    Tschüssi Brigitte

  6. Follygirl sagt:

    Das kannte ich noch nicht… aber für mich bitte OHNE Tier…
    LG, Petra

    • Der Emil sagt:

      Ohne Dir zu nahe treten zu wollen: Als das zur Tradition wurde, war Vegetarismus für einfache Leute nicht praktikabel. Die waren damals froh, wenn es Fleisch gab.

      Aber warum soll es nicht auch Neunerlei für Veganer geben — wenn alle 10 „Etwasse“ drin sind?

  7. Frau Momo sagt:

    Diese Tradition kannte ich noch nicht. Bei uns gibt es zwei Fraktionen: Kartoffelsalat und Würstchen (damit die Hausfrau Heiligabend nicht so viel in der Küche stehen muß) oder Ente oder Gans. Bei uns gibt es immer Ente, aber dieses Jahr mache ich eine Ausnahme und es gibt Gans in Mecklenburg bei einer Freundin.

  8. Anna-Lena sagt:

    Lieber Emil,
    du hast in diesem Jahr einen wunderbaren Adventskalender gestaltet. Dafür ein herzliches DANKE.

    LG Anna-Lena

  9. Amelie sagt:

    Bei mir gibt’s in diesem Jahr Kaninchen. Habe ich mir zur Abwechslung vom lieben Federvieh gewünscht. UND grüne Klöße. Das muss einfach sein. Und die dann mit viel Soße genießen … *schmatz*

  10. galip sagt:

    Vielen Dank dafür, Emil, sehr interessant!
    Ich wünsche Dir ein frohes Fest
    – galip

  11. irgendlink sagt:

    Lieber Emil, nun schlägt es bald Null für den 24ten. Ich wünsche Dir einen unglaublich schönen Heiligen Abend und ganz tolle Feiertage, sowie finallemang einen guten Rutsch ins 2014. Ich hoffe, wir sehen uns dann mal wieder.
    Liebgrüß
    Jürgen

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