Beinaheunfall (#148)

Und ich war “der Böse”

To get a Google translation use this link.
 

Es heißt nicht umsonst, daß man vorsichtig sein sollte mit seinen Wünschen; sie könnten nämlich in Erfüllung gehen. Wiedereinmal war ich unterwegs in der Stadt. Ich hatte auch ein ganz klares Ziel: Stoff finden für meinen täglichen Blogartikel.

 

Ein großer schwarzer BMW fährt plötzlich auf den Radweg und bleibt dort stehen. Die Fahrerin, eine blonde, sehr weibliche Frau von etwa 30 Jahren, steigt hocherregt und schimpfend aus.

«Klar darf ich mit Dir meckern! Schließlich bin ich Deine große Schwester! Und wenn Du und Deine Schlampe in den zwei Tagen, die Du auf meinen Hund aufpassen solltest, meine Wohnung in eine Müllhalde verwandelst, dann darf ich erst recht meckern!» Sie öffnet die hintere Tür, ein Kind steigt aus. «Und jetzt gib mir mein Handy!»

Von dem, was im Auto gesprochen wird, verstehe ich nichts. Ich höre nur immer wieder das Verlangen nach dem Handy. Nach zwei oder drei Minuten nimmt die blonde Frau das Kind an die Hand und kommt zur Straßenbahnhaltestelle. Ein Goldkettchenkerl breiterer Bauart steigt aus dem BMW, hat ein Telefon am Ohr und ruft: «Komm zurück. Mutter will mit Dir reden!»

Die blonde Frau reagiert nicht auf ihn, der diese Verhaltensweise ganz sicher nicht kennt. Wenn er was sagt, dann muß das JEDER so machen, wie er es sagt. Deutlich sichtbar wird er wütend.

Die blonde Frau kommt mit dem Kind auf mich zu und fragt, wann die nächste Bahn fährt. Noch während ich ihr antworte, wendet sich das kleine Mädchen um. Es winkt – Hand zumachen, Hand aufmachen – und ruft: «Tsiss Ontel!»

Nach einer Weile kommt Goldkettchenkerl auch auf die Haltestelleninsel und gibt der blonden Frau ein Handy. Die Erwachsenen beginnen lautstark zu streiten. Währenddessen beobachte ich das direkt neben mir am Absperrgeländer herumturnende Mädchen. Ich winke und zwinkere ihr zu, sie winkt und zwinkert zurück.

Aus dem immernoch mit laufendem Motor auf dem Radweg stehenden BMW steigt jetzt eine sonnenbankgebräunte Tussi. Sie steht auf dem Fußweg und ruft über die Straße: «Hallo Rieke!»

Das kleine Mädchen steht plötzlich vor mir auf der Straße. Ich bekomme ihren Arm zu fassen und ziehe sie durchs Geländer. Mehrere Autos bremsen quietschend. Das kleine Mädchen steht wieder auf der Haltestelleninsel, ich halte sie noch immer am Arm fest.

Die blonde Frau schaut mich entgeistert an. Das kleine Mädchen weint: «Ontel wehtut!» Als die blonde Frau zu einer Schimpftirade anzusetzen scheint, kann ich mich in die gerade eingefahrene Straßenbahn retten. «Nächstes Mal laß ich die Kleine ins Auto rennen.»

Die Bahn fährt an. Goldkettchenkerl und die blonde Frau streiten wieder.

Neben den beiden steht ein kleines Windelpopomädchen mit zwei lustigen blonden Zöpfchen. Sie weint noch immer, aber winkt mir zurück: Hand aufmachen, Hand zumachen, Hand aufmachen …

 

 

Der Verfasser des Blogs schleicht davon und dankt für’s Lesen.

P.S.: Positiv am 26. Mai 2012 war, daß dem Kind nichts passiert ist außer den blauen Flecken von meinem Griff.

© 2012 – Der Emil. Text & Bilder stehen unter der Creative Commons 3.0 Unported Lizenz
CC by-nc-nd Website (Namensnennung, keine kommerzielle Verwertung, keine Veränderung).
über diese Lizenz hinausgehende Erlaubnisse können in meinem Blog erfragt werden.

148 / 366 – One post a day 2012 (WP-count: 532 words)

Über Der Emil

Not normal. Interested in nearly everything. Wearing black. Listening. Looking. Reading. Writing. Clochard / life artist / Lebenskünstler.
Dieser Beitrag wurde unter Erlebtes, Gesehenes, One Post a Day, postaday2012 #oneaday abgelegt und mit , , , , , , , verschlagwortet. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

0 Antworten zu Beinaheunfall (#148)

  1. Follygirl sagt:

    Nee, Du hälst sie auch beim nächsten mal! ich weiß das, bin auch so…
    LG und einen schönen Sonntag!

  2. Gudrun sagt:

    Traurig, lieber Emil. Ehrlich. Da ist alles da, es gibt keinen Notstand, zumindest an materiellen Dingen. Und trotzdem bleibt so viel auf der Strecke.

  3. Mia sagt:

    Du könntes gar nicht anders reagieren. Und das ist gut so. Doch das muss man erst mal verdauen.

  4. Herbstbaum sagt:

    ich schließe mcih an, Du würdest auch beim nächsten Mal zupacken ~ ich auch und andere auch. Kinder gehören nicht in die Streitereien von Erwachsenen. Ich ziehe sie auch häufiger heraus aus aufgeladenen Momenten, die Gefahr bedeuten können. Erwachsene können sich meinetwegen die Köpfe einschlagen, aber Kinder werden gerettet!

  5. der_emil sagt:

    Ich weiß zwar noch immer nicht, wie ich die Kleine so schnell wieder durchs Geländer bekommen habe – aber klar, ich würde es immer wieder tun. Das lief irgendwie automatisch …

    War heute Nacht mehrmals wach, weil ich es quietschen hörte …

  6. Frau Momo sagt:

    In solchen Momenten handelt man ja zum Glück mehr reflexartig, anstatt erst groß nachzudenken. Und das würde wohl fast jeder so tun, außer Erwachsenen, die nur sich selber im Kopf haben.
    Du hast alles richtig gemacht, aber das Kind tut mir irgendwie leid.

  7. anniefee sagt:

    Hm, schon wieder das Thema „Kinder und Verkehr“, auf das ich ja grad sensibilisiert bin.. Seit mir vor zwei Wochen brühwarm berichtet wurde (von einer nahen Verwandten), wie ihr ein Kind ins Auto gelaufen ist und sofort tot war, rege ich mich wieder verstärkt auf, dass Städte (und Dörfe und ach.. vieles im Wald auch) für Fahrzeuge gebaut zu sein scheinen und welch kurze Unaufmerksamkeit genügt, um breit gefahren zu werden, salopp gesagt.
    Verkehrserziehung ist ein altes Thema, aber anscheinend immer noch nicht genügend breit geredet. (Es gibt immernoch Grundschüler, die losrennen ohne zu gucken und Eltern, die Noch-Nichtschüler rumrennen lassen ohne Blick drauf.)

  8. Gabi sagt:

    Es ist sicher ärgerlich, wenn man als Böser da steht, obwohl man ja geholfen hat, aber Du hast einfach toll und richtig reagiert und Du würdest sicher wieder so reagieren. Lieber etwas Ärger und ein paar blaue Flecken am Arm des Kindes, als wie wenn sonst was passiert wäre. Ist schon traurig genug, dass Erwachsene so mit sich selbst beschäftigt sind, dass Sie nicht mal merken, dass ihr Kind in Gefahr ist.
    LG Gabi

  9. nextkabinett sagt:

    Gute Güte! Das hast Du gut gemacht. Trotzdem – einen faden Nachgeschmack hat es, das kann ich total gut verstehen. Müsste man eigentlich verfilmen. Arme Kleine …

  10. Pingback: Pfingsten und mehr (#149) | Gedacht | Geschrieben | Erlebt | Gesehen

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert