Atomare Panik vorher (Nº 74 #oneaday)

Aufgebracht soll ich mich nicht äußern.

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Lest doch mal diese paar Zeilen im Originalblog nach:

 
Verdammte Eile

Simta am 14. März 2011, 07:25 Uhr:

Die Lage ist unklar. Die Stunde der vorauseilenden Urteilskraft da.

Keiner weiß, seit Tagen, was in den von Erdbeben und Tsunami beschädigten japanischen Atomreaktoren geschieht. Jeder, den ein Anruf ereilt, glaubt es zu wissen.

Mit vorzüglichem Dank an simta bei Radio Bremen (Nordwestradio).
 

 
Tut mir leid, aber ich muß trotzdem meine Meinung loswerden zum Umgang unserer Boulevardmedien (und da zähle ich ARD, ZDF & Co. tatsächlich dazu!) mit Vermutungen:
 

Es gibt nämlich – glücklicherweise – noch keine eindeutigen Hinweise auf eine tatsächlich geschehende, geschehene oder beginnende Kernschmelze.

Das heißt: Die Meldung über die Möglichkeit einer Katastrophe – deren Eintreten ganz sicher alles ist, aber noch nicht sicher – wird von den Boulevardmedien zur schon eingetretenen Katastrophe umgedeutet. Panikmache pur.

Selbst die «Süddeutsche Zeitung» führt aus: «Welche Entwicklung zwischen dem besten und dem schlimmsten Fall die drei Reaktoren nehmen, das kann sich in Stunden entscheiden oder in Wochen.» (Seite zwei des Artikels «Strahlende Stille» von Christopher Schrader).

Euronews meldet gestern um 22:50 in Quake-hit Japan battles to avert radiation leak:

Die Beendigung der Nutzung von radioaktivem Material zur Energiegewinnung (in der heute bekannten und praktizierten Weise) und zur Waffenherstellung unterstütze ich vorbehaltlos.

Nehmt es mir aber bitte nicht übel, wenn ich – trotz aller möglichen Gefahren – trotzdem eher den renommierten Wissenschaftlern als unseren Reportern glaube. Und kein gesunder Menschenverstand (alleine oder mit einem gesunden Halbwissen gepaart) kann aus der Ferne wirklich zuverlässige Vorhersagen treffen. Die Wahrscheinlichkeit für alles Mögliche ist gegeben – und der Terminus «aber es ist wahrscheinlicher, daß …» hilft hier auch nicht weiter.

Außerdem gibt es keine völlig sichere Technik.

Mal ganz ehrlich gefragt: Ist denn der motorisierte Straßenverkehr oder der Schienenverkehr beherrschbar? In seiner heutigen Form sicher nicht. Und wenn noch mehr Computer die Steuerung übernehmen, wird er noch weniger beherrschbar … Also auch den Straßen- und Schienenverkehr abschaffen! Und den Luftverkehr! Wieder lokal agieren!

Das wäre konsequent!

So. Das mußte ich jetzt mal loswerden. Und bedenkt bitte: Ich schrieb über den Erkentnisstand vom 14. März 2011, um 23.30 Uhr.

Was geschehen wird, erfahren wir immer erst hinterher, wenn es nämlich geschehen ist. Ich werde es erfahren, ihr werdet es erfahren.

Ganz vergessen hatte ich, auf einen Blog hinzuweisen, den ich zur Zeit verfolge: Tabibitos Japan Blog. ein Wahljapaner deutscher Herkunft berichtet über das Leben …

Der Verfasser des Blogs schleicht davon und dankt für’s Lesen.

© 2011 – Der Emil CC by-nc-nd der_emil(at)arcor(dot)de

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Über Der Emil

Not normal. Interested in nearly everything. Wearing black. Listening. Looking. Reading. Writing. Clochard / life artist / Lebenskünstler.
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0 Antworten zu Atomare Panik vorher (Nº 74 #oneaday)

  1. Helena sagt:

    Dem schließe ich mich an!

  2. nextkabinett sagt:

    Na dann!

    Ich habe drüben bei FB übrigens wissenschaftlich halbwegs fundierte Artikel aus dem Jahr 2007 zum Thema Atomkraftwerke in Japan gepostet. Sicher aus ähnlicher Motivation heraus, einfach etwas Ruhe, Bedacht und Rationalität in die berechtigte Angst und Panik zu bringen. Wiewohl ich schon seit Tagen glaube, dass es Kernschmelze gegeben haben musste. Bei diesem gewaltigen Erdbeben und Tsunami in Kombination kann ich mir das einfach nicht anders vorstellen. Und ich persönlich bin voller Bewunderung, Respekt, Anteilnahme und Sorge für die Menschen in Japan. Im Geiste verneige ich mich tief vor deren Besonnenheit, Mut und Kraft angesichts tiefster Verzweiflung, Hoffnungslosigkeit, Angst und Sorge. Wir hier können dies nur peripher durch die Bilder in den Medien ermessen. Wir gehen anders mit unseren Gefühlen, Ängsten und Paniken um. Wir agieren halt mehr nach außen, deshalb wirkt vieles eben wie es wirkt. Indes ist dies nicht weniger ehrlich und unsere Ängste und Sorgen sind deshalb nicht weniger real.

    Nun gut, lange Rede kurzer Sinn. Ich poste Deinen Artikel bei GnBK-FB und die von mir erwähnten Links findest Du dort auf der Pinnwand.

    In diesem Sinne wünsche ich eine gute Nacht,
    die
    SoSe

  3. twixraider sagt:

    Schwerer semantischer Störfall, „halb so schlimm“ ist immer noch schlimm. Ein Beispiel: Im Alter von 5 Jahren wurde ich BEINAHE getötet. Weil ein hölzerner Strommast in unseren Garten gefallen ist, der von einem zur Mittagsstunde betrunkenen Autofahrer abrasiert wurde. Das war sehr spektakulär, als die abgerissenen Kabel wie feurige Schlangen durch das Geäst gepeitscht sind und blaue Funken von Blatt zu Blatt gesprungen sind, ganz abgesehen von dem infernalischen Lärm. Mein Bruder hat mich gerade noch aus der Falllinie gezogen. Glück gehabt? Nur Glück im Unglück. Und mir ist scheissegal,wie gross oder klein die Chance war, jetzt auch physisch verkrüppelt zu sein. An dem psychischen Trauma knabber ich nämlich immer noch. Genau wie die Japaner an Hiroshima und Nagasaki. Die pellen sich ein Ei auf deine Wahrscheinlichkeitsrechnung, die haben schon eine Höllenangst…

    • der_emil sagt:

      Hab ich irgendwo was von „halb so schlimm“ gesagt? Nur mich darüber aufgeregt, daß die Möglichkeit einer Katastrophe bereits zur Katastrophenmeldung verpanikt wird …

      • twixraider sagt:

        Der Begriff „Möglichkeit“ beschreibt mindestens zwei Zustände, entweder oder. Die Katastrophe ist schon da:

        http://de.wikipedia.org/wiki/Katastrophe#Kriterien_zur_Definition

        Es geht jetzt nur noch um die Wahrscheinlichkeit, wie stark der Geiger- bzw. Leichenzähler ausschlagen wird. Jetzt steht Theorie gegen Praxis, die Scheisse findet nicht unter Laborbedingungen statt, für eine objektive Beurteilung fehlen sogar vor Ort Informationen. Also solange du keinen Röntgenweitblick hast, sind deine Spekulationen nicht genauer als die aller anderen. Der „Laie“ kann jetzt nur eines tun, von den Aussagen der Betreiber (notorische Lügner) und der Medien (notorische Übertreiber) jeweils 50% Wahrheitsgehalt abziehen und das Ergebnis mit dem Faktor +/-X multiplizieren. Das Ergebnis ist Schrödingers Katze, unterm Strich bleibt wieder nur die Angst. Und zum Thema „Vertrauen in die Wissenschaft“: Vor noch nicht allzulanger Zeit wurde Quecksilber als Heilmittel für Syphilis angewendet. Die Erkenntnis, dass die Patienten an der Therapie starben und nicht an der Krankheit, benötigte fast 400 Jahre….

        • der_emil sagt:

          Stimmt. Die Katastrophe waren Erdbeben und Tsunami.

          Und wenn das wäre, was überall beschrieen wird, nämlich daß nichts mehr beherrschbar isr, dann entspräche die Situation schon nicht mehr der Wikipedia-Definition: … länger andauernde und meist großräumige Schadenlage, die … V.»

          Dann ist es nämlich schon keine Katastrophe mehr.

          Noch immer meine Meinung: Die Medien verpaniken – zumindest hier in Europa. Denn was heißt es, daß „die Strahlung in der Umgebung 10mal so hoch wie ünblich ist“ für Stadtteile in Tokio? Nichts – ganz genau nichts. Denn was ist üblich?

          Luftholen, Ball flachhalten. Nachdenken, richtig nachdenken. Keine Panikmache mitmachen.

          Vor nicht allzulanger Zeit …

          • nextkabinett sagt:

            Für das ’nichts genaues weiß man nicht‘ und ‚katastrophale Nachrichten aus den Atomkraftwerken nur tröpfchenweise‘ – die für uns beklagenswerte offizielle Informationspolitik der japanischen Regierung gibt es gute japanische Gründe, die für uns nur schwer nachzuvollziehen sind:

            Erstens die spezifisch japanisch-hierarchische Struktur. Jede Nachricht nach außen muss zuerst die Stufe der höchsten Hierarchie passieren.

            Ebenso jede Maßnahme, die im Katastrophenschutz eingeleitet wird. Dies dauert länger, als wir ungeduldigen Deutschen es ertragen können. Wenn die Befehle von ganz ganz oben kommen, dann greifen sie sehr effektiv, weil diese Maßnahmen ständig eingeübt worden sind.

            Zweitens gilt die oberste Devise, keine Massenpanik evozieren zu wollen. Die Menschen sollen Ruhe und Besonnenheit bewahren. Das mag man wegen der spezifisch hierarchischen Struktur seltsam unerwachsen finden, hilft aber den Menschen vor Ort wahrscheinlich am ehesten.

    • nextkabinett sagt:

      „An dem psychischen Trauma knabber ich nämlich immer noch. Genau wie die Japaner an Hiroshima und Nagasaki. Die pellen sich ein Ei auf deine Wahrscheinlichkeitsrechnung, die haben schon eine Höllenangst…“

      Das sehe ich genauso. Die Menschen in Japan wissen, worum es geht. Mich hat heute Nacht u.a. dieser Artikel Web 2.0 und Japan Die Katastrophe im Netz schlaflos beschäftigt. Darin heißt es:

      „Anders unter #save_fukushima und #seiji (Politik) – dort finden sich fast am Montag nur japanische Tweets, die aber eher technische Informationen verbreiten – fahren die Züge wieder? Was ist mit der Stromsperre, kommt sie? Auch könnte Twitter zu extrovertiert für die meisten, eher diskreten, Japaner sein, die lieber im japanischen Netzwerk Mixi in internen Gruppen ihre Meinung austauschen. Am Dienstag wächst sich unter dem Hashtag #genpatsu (Atomkraftwerk) die Angst. “

      Die für mich wichtigsten Informationen hier sind die lebenspraktischen „fahren die Züge wieder?“ und „Was ist mit der Stromsperre, kommt sie““.
      Warum? Weil es gut ist, angesichts der Katastrophen der Katastrophe – Natur- und Nuklearkatastrophe – sich auf die grundlegenden Handlungsmöglichkeiten zu besinnen. Genau, das, was jeder traumatherapeutisch ausgebildete Helfer macht: Heißes Getränk, warme Decken, trockener Platz zum Schlafen, trockene Kleidung usw. …

      Japaner werden mehrfach im Jahr darin geschult, wie sie sich bei Erdbeben am besten verhalten. Sie kennen die Risiken, weil sie damit täglich leben. Täglich mögliche kleinere und mittlere Erdbeben machen besonnen und hilft, nicht die für solche Katastrophen überlebensnotwendige Ratio zu behalten. So furchtbar das Erdbeben und der Tsunami waren, bezieht sich die wirkliche Angst der Menschen in Japan auf die unbeherrschbare Situation in den Atomkraftwerken.

      Es ist wirklich die Frage, wie wir uns in Deutschland bei Natur- und Nuklearkatastrophen verhalten würden??? Drei Fragezeichen???

      Noch ein Tipp: Live broadcast bei YokosoNew http://www.ustream.tv/channel/yokosonews und der wunderbare Moderator Katz antwortete gerade einer Jennifer aus Deutschland, dass die deutschen Medien wohl die Wahrheit sagen würden. Er könne ihr seine Sicht sagen, die sich deshalb unterscheide, weil er Japaner sei. A different point of view, wie er sagte. Er könne ihr die japanische Sicht auf die Ereignisse sagen. Beides zusammen ergebe ein ‚Ganzes‘. So in etwa habe ich es verstanden.

      Ich empfehle diesen Stream auf’s Dringendste.

      LG,
      die SoSe

  4. der_emil sagt:

    Weitere Neuigkeiten: Feuer gelöscht. Beschädigung des Druckbehälters am Block 2: mal beschädigt, mal nicht …

  5. So sehr ich auch Deiner Meinung bin, was Panikmache und Zukunft der Nuklearenergie angeht – Dein Vergleich mit den Verkehrssystemen hinkt gewaltig. Du fällst doch nicht auch noch den Apfelbaum mit, wenn der Birnbaum die Fäule hat.
    LG THeoF
    PS und ein Krisenmanagement, daß erst einmal den geringsten Schaden vermutet, weil der größtmögliche Schaden noch nicht nachgewiesen ist, ist auch ein wenig am Ziel vorbei

  6. Ilona Form sagt:

    Man kann viele Ereinisse nicht vergessen: Hiroshima, Nagasaki, den 1.und vor allem den 2. Weltkrieg,den Tsunami in Thailand und hunderte,tausende von Erdbeben.
    Tschernobil, Völkermorde und, und , und. Wer was davon hat ist die Presse. Ich will
    das Wort Boulevardpresse vermeiden. Die einen machen wirklich einen Riesengau
    daraus und die zuständigen Politiker,bei denen ist es halb so schlimm ist. Es ist
    schlimm,aber wieviel ist doch shitegal. Es ist schlimm…………

    • der_emil sagt:

      Liebe Illo,

      das bezweifle ich doch überhaupt nicht. Aber … Man muß nicht immer wieder sich selbst in der Verschlimmerung der Unglücke überbieten. Beispiel: GAU heißt Größtes anzunehmendes Unglück und ist genau die unvorstellbare Katastrophe. Was ist dann ein Super-Gau?

      Nein, es wird viel zu viel viel zu heftig superlativiert, und zwar voreilig. Das ist es, wogegen ich wettere …

  7. der_emil sagt:

    Ein sehr wichtiger Beitrag zu diesem Thema bringt „draußen nur Kännchen“ (die liebe Nessy)in einem sehr berührenden Text dazu. Auch feydbraybrook verlinkt in seinem Kommentar auf die etwas andere Sichtweise …

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